Ein Meisterorganist, der ohne Noten spielt

Orgelandacht: Paolo Oreni (Italien) fasziniert im Martinsmünster

18.05.2021 11:21

Der aus der italienischen Partnerstadt Lauingens Treviglio (Provinz Bergamo) stammende Organist Paolo Oreni gab am Spätnachmittag des vergangenen Sonntags ein begeistert aufgenommenes Konzert. Im sehr gut besuchten Münster konnte Stadtpfarrer Raffaele De Blasi den Gast in seiner Landessprache begrüßen. Die hochkarätigen Musikstücke stellte der Geistliche als wichtigen Beitrag zu einer Begegnung mit Gott heraus, aber auch als eine Belebung des Partnerstädte-Gedankens.

Die Interpretationen an der Albertus-Magnus-Orgel zeigten die außergewöhnliche Meisterschaft eines "vielversprechenden talentierten italienischen Künstlers, einem Wunder an Fähigkeit  mit phänomenaler Präzision", wie die Süddeutsche Zeitung  Paolo Oreni beschrieb. Der Orgelvirtuose führte zudem alle Werke ohne Noten aus dem Gedächtnis  und ohne Registrierhinweise auf. Das Concerto in B-Dur, eine Transkription des Konzertes für zwei Violinen von Antonio  Vivaldi, präsentierte der Organist als farbenreiches Werk von J. S.Bach. Der Gegensatz von orchestralem Tutti und den Soloepisoden bestimmte die schnellen Ecksätze, das Adagio zelebrierte Oreni als filigran registriertes Kleinod. Charles-Marie Widor verwirklicht in seinen Sinfonien den Gedanken eines konzertant ausgerichteten virtuosen Orgelspiels. Davon konnten sich die Zuhörer beim ersten Satz aus der 5. Sinfonie überzeugen. Nur wer eine stupende Technik besitzt, kann die Anforderungen bewältigen. Paolo Oreni reizte im Allegro vivace die einfallsreichen Variationen aus. Die akkordischen Strukturen, durchlaufende Achtelnoten, gleichförmige Bassbewegungen, trillerartige Sechzehntel stellte der Organist in den Dienst von Form und Architektur. Besonders auch, als er im groß angelegten Scherzo schlüssig das Variationsthema bis zum triumphalen Fortissimoschluss verarbeitete.

In der "Evocation" aus dem Jahre 1941 beabsichtigte der französische Komponist Marcel Dupré den Charakter seines Vaters darzustellen, der 28 Jahre den Organistendienst in Rouen versehen hatte. Im fanfarenhaften Rondo des letzten von drei Sätzen verwirklichte Paolo Oreni einen pathetischen Abschluss, mit dem der Komponist mit Anerkennung, Stolz und Würde auf den Vater zurückblickte. Das immens schwer zu spielende Stück lebte von der ungewöhnlichen Künstlerschaft, mit der Oreni in souveräner Größe die Strukturen offenlegte.

Der Meisterorganist erwies sich überdies als großartiger Interpret vorgegebener Liedwünsche. Sein Improvisieren orientierte sich an den reichen klanglichen Möglichkeiten der Albertus-Magnus-Orgel und an dem Bestreben nach abwechlungsreicher Registrierung. P. Oreni gelang, ein zauberhaftes Kaleidoskop von Klangeindrücken zu schaffen. Die Wirkung war hinreißend. Die vorgegebenen Gottesloblieder  erfuhren eine singuläre Darstellung. "Christ fuhr gen Himmel" wurde von Oreni als Passacaglia mit jubilierenden Aussagen transformiert; die "Glorwürdge Königin" erstrahlte impressionistisch im Silberglanz und "Freu dich, du Himmelskönigin" sprudelte über vor himmlischer Freude, während "Nun danket alle Gott" sich zu einem ekstatischen Hymnus aufschwang. Der große Applaus der Zuhörer würdigte zu Recht die fasziniernde Künstlerpersönlichkeit. Paolo Orerni belohnte die riesige Zustimmung mit der berühmten Toccata in d-Moll von J. S. Bach.

Text und Fotos: Gernot Walter