Hirtenwort zur österlichen Bußzeit 2008
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
liebe Kinder und Jugendliche!
Das Evangelium des heutigen ersten Fastensonntags berichtet über die Versuchungen Jesu. Wir erkennen aber zugleich, dass Jesus der Versuchung widerstehen konnte, weil er dem, den er seinen Vater nannte, ganz vertraute.
Die Erzählung von der Versuchung in der Wüste zeigt Jesu absolute Eindeutigkeit. In einer Gesellschaft, in der alles mehrdeutig zu werden droht, in der zwischen gut und böse nicht mehr unterschieden wird, müssen wir zutiefst dankbar sein für diese Eindeutigkeit.
Wir stehen in der Vorbereitungszeit auf Ostern. Ein zentraler Ritus in der Feier der Osternacht ist die Erneuerung unseres Taufversprechens, denn durch die Taufe haben wir Anteil bekommen an der Auferstehung Jesu Christi, die wir in der Osternacht feiern.
In der 40tägigen Fastenzeit sind wir deswegen aufgefordert, uns durch Werke der Buße, aber gerade auch durch die Erneuerung unseres Taufbewusstseins auf Ostern vorzubereiten.1 Die Lesungen des heutigen Sonntags mit ihrer Herausforderung zu einem entschiedenen christlichen Leben lassen uns dieses Anliegen tiefer verstehen. Aus diesem Grund möchte ich besonders auf das Sakrament der Taufe eingehen und zugleich nochmals das Anliegen der erweiterten Taufpastoral erläutern, die in unserer Diözese künftig als Weg zum Empfang des Taufsakramentes vorgesehen ist.
Zunächst aber wollen wir uns vergegenwärtigen, was es nach dem Glauben der Kirche bedeutet, getauft zu sein.
Christuszugehörigkeit aufgrund der Taufe und Verpflichtung zu einem christlichen Leben
In der Taufe erhält der Gläubige Anteil am Leben des dreifaltigen Gottes. Jeder von uns ist zu einer ganz persönlichen Beziehung mit Christus eingeladen. Diese Freundschaft mit Christus befreit uns von der alten Anhänglichkeit an die Sünde. Die frühe Kirche bezeichnete die Taufe daher als Herrschaftswechsel, als Übertritt des Menschen aus dem Machtbereich der Sünde und des Todes in den Herrschaftsbereich Jesu Christi. Der getaufte Mensch ist ermächtigt und verpflichtet, nicht mehr den Göttern einer heidnischen Gesellschaft zu dienen, sondern dem Gott, der allein die Wahrheit ist und das Heil schenken kann.
Götzen gibt es auch in unserer säkularisierten Welt zuhauf. Als Getaufte sind wir aufgefordert, diesen in der gleichen Eindeutigkeit abzusagen, die der Herr uns vorgelebt hat. Dies schließt ein, dass wir uns immer wieder neu um ein Leben ohne Sünde bemühen. Gewissenserforschung und Bußsakrament wollen uns dabei helfen.
Taufe als Beginn des ewigen Lebens
Auf den Namen Christi getauft zu sein, bedeutet nicht nur, ihm übereignet zu sein, sondern bedeutet auch, Anteil zu bekommen am Heilsgeschehen von Tod und Auferstehung Jesu Christi. Auch wenn wir in unserem irdischen Leben noch auf unseren Tod zugehen, so dürfen wir dennoch glauben, dass mit der Taufe die Vollendung unseres Lebens durch die Anteilhabe an der Auferstehung Jesu Christi mitten in unserem irdischen Leben bereits begonnen hat. Die sichere Hoffnung auf das ewige Leben lässt uns auch im Hier und Heute „als neue Menschen leben“ (Röm 6,4).
Taufe als Aufnahme in die Kirche Durch die Taufe sind die Christen auch berufen und verpflichtet, als Menschen zu leben, die in der Gemeinschaft der Kirche ihre neue Heimat haben als Schwestern und Brüder. Der Hl. Geist, der uns in der Taufe geschenkt wird, will uns zusammenführen und uns als lebendige Glieder aufnehmen in den Leib Christi. Christsein ist nicht als Privatsache möglich, sondern es vollzieht sich gerade im Einbezogensein in das neue Gottesvolk der Kirche.2
Die erweiterte Taufvorbereitung
Ganz im Gegensatz zur grundlegenden Bedeutung des Taufsakramentes können wir beobachten, dass das Bewusstsein für die Taufe schwindet.
Oft bringen Eltern ihr Kind zur Taufe, obwohl sie selbst nicht mehr viel von der Kirche halten, bisweilen sogar aus der Kirche ausgetreten sind. Für manche ist Taufe nur ein feierliches Ritual zum Lebensbeginn. Die Kirche kann nicht mehr voraussetzen, dass Menschen heute wissen, was Christsein und kirchliches Leben ist. Aus diesem Grund ist eine erweiterte Hinführung der Eltern zum Sakrament der Taufe notwendig. Gerade im Umkreis der Geburt machen viele Eltern Erfahrungen, die offen sind für eine Deutung aus der Sicht des christlichen Glaubens. So kann ihnen in einem vielleicht noch anfanghaften Glauben bewusst werden, dass ihr Kind von Gott bejaht und angenommen ist und dass sie selbst in ihrer Liebe und Sorge für das Kind etwas von der Zuwendung Gottes vermitteln. Für eine solche religiöse Lebensdeutung soll die Taufvorbereitung sensibilisieren. Eine erweiterte Taufvorbereitung kann in unterschiedlichen konkreten Formen geschehen. In jedem Fall aber ist es wichtig, dass die Taufpastoral nicht nur Sache der Taufspender und der hauptberuflichen Mitarbeiter ist. In den verschiedenen Einheiten und Gesprächsrunden zur Taufvorbereitung sollten Gläubige aus den Pfarrgemeinden mit einbezogen sein; denn Taufe bedeutet Eingliederung in die Kirche und muss deswegen unter der Mitverantwortung der ganzen Pfarrgemeinde stehen.
Ein mögliches Modell einer erweiterten Taufvorbereitung könnte vorsehen, dass die Eltern sich zunächst mit der grundlegenden Frage auseinandersetzen: Warum will ich, dass mein Kind getauft wird? Was bringt die Taufe überhaupt? Eine weitere Einheit würde sich mit dem liturgischen Ablauf und der Deutung der Riten bei der Taufe befassen. Unbedingt sollte darüber hinaus die religiöse Kinder- und Jugenderziehung in heutiger Zeit angesprochen werden. Eine Zusammenkunft zu diesem Thema müsste nicht in einem unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang mit der Taufe stattfinden und sollte allen Interessierten offen stehen.
Freilich darf es nicht bei der Taufvorbereitung alleine stehen bleiben. Weiterführende Impulse, die auch Fernstehende tiefer ins Christsein hineinwachsen lassen, können besonders in Gruppen mit anderen Eltern entstehen. Viel Positives geschieht hierzu schon - beispielsweise in Mutter-Kind-Gruppen, durch Elternarbeit im Kindergarten, durch Erziehungskurse der Familienseelsorge oder auch in Vorbereitungsgruppen für Familiengottesdienste.
Abschließend möchte ich Sie ganz herzlich bitten, die Priester, die Hauptberuflichen, die Ehrenamtlichen und die ganze Gemeinde: Lassen Sie sich ein auf eine erweiterte Taufpastoral. Wenn diese wirklich von der gesamten Gemeinde getragen ist, dann wird sie viel beitragen zu einer Vertiefung des geistlichen Lebens, zu größerer Lebendigkeit der Aktivitäten und zu einem bewussteren Christsein.
Ein wichtiger Schritt zur Erneuerung des Taufbewusstseins für uns alle könnte sein, dass wir die Erneuerung des Taufversprechens heuer in der Osternacht bewusst und entschieden vollziehen als Menschen, die neu erkannt haben, was „dem Leben in Christus Jesus entspricht“ (Phil 2,5).
Es segne Sie alle der allmächtige und barmherzige Gott. Der Vater und der Sohn und der Heilige Geist. Amen.
Dr. Walter Mixa
Bischof von Augsburg
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1 Vgl. SC 109
2 Vgl. LG 7 ff., LG 9 ff.