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„Eine Gelegenheit, die Bibel für sich neu zu entdecken“ - Interview mit Bibelreferentin Simona Kiechle zur Einführung des neuen Mess-Lektionars

28.11.2018

Am kommenden Sonntag beginnt ein neues Kirchenjahr. Und „neu“ bedeutet in diesem Fall auch ganz konkret: Ab dem ersten Adventssonntag wird das neue Mess-Lektionar mit den Texten aus der überarbeiteten Einheitsübersetzung des Alten und Neuen Testaments eingeführt. Fragen dazu an Simona Kiechle, Bibelreferentin in der Abteilung Gottesdienst und Liturgie.

Kann es sein, dass die neuen Texte manchen Kirchgängern gar nicht auffallen werden?            

Das könnte ich mir durchaus vorstellen. Es kommt sehr darauf an, wie aufmerksam man im Gottesdienst überhaupt dabei ist. Wenn man gewohnt ist zuzuhören, dann wird es einem schnell auffallen. Aber wenn man die liturgischen Texte eher an sich vorbeiziehen lässt, dann kann es sein, dass man eine Weile braucht, bis man das erste Mal stutzig wird.

Sie würden also sagen, dass die Veränderungen nicht so gravierend sind?

Gerade die Texte, die jetzt im Advent kommen, also die Anfangstexte der Evangelien, sind nicht so stark überarbeitet. Da haben sich nur einzelne Worte verändert. Insgesamt wurden die Evangelien auch weniger stark angepasst als zum Beispiel die Psalmen.

Was sind denn die wesentlichen Unterschiede in den Übersetzungen, die einem auffallen könnten?

Also der für mich absolut wesentlichste Unterschied ist, dass der bisherige Gottesname weggefallen ist. Aus Respekt vor der jüdischen Tradition wurde „Jahwe“ durch das Wort „der HERR“ in Kapitälchen ersetzt. Das heißt, es wird in Großbuchstaben geschrieben und der erste Buchstabe, das „H“ überragt die anderen Buchstaben sogar noch etwas. Dadurch fällt auch beim Blättern in der Bibel sehr schnell auf, wie oft dieser geheimnisvolle Gottesname auftaucht - über tausend Mal!

Ebenfalls aus Respekt gegenüber dem Judentum wurden einige Texte angepasst. Da war zum Beispiel im Römerbrief, Kapitel elf, früher von „der Verwerfung der Juden“ die Rede. Jetzt steht da „Zurückweisung“. Das entspricht dem, was der Apostel Paulus eigentlich meinte, dem es um eine zeitweise Zurückweisung der Juden ging, aber nicht um deren grundsätzliche Verwerfung.

Gibt es noch andere Unterschiede, vor allem im Neuen Testament, die für uns wichtig sein könnten?

Die gibt es. Gleich am ersten Advent wird zum Beispiel im Brief an die Thessalonicher die Anrede auffallen. Bislang stand mitten im Text nochmal das Wort Brüder, jetzt heißt es „Brüder und Schwestern“. Dabei geht es nicht um eine „Genderisierung“ der hl. Schrift. Der jetzige Wortlaut entspricht der Bedeutung dieser auch für gemischte Gruppen üblichen Anrede in der Antike.    

Was ist der grundsätzliche Anspruch dieser Übersetzung? Will sie eher gut verständlich oder möglichst textnah sein?

Es ist ja keine völlige Neuübersetzung, sondern nur eine Revision, bei der an den Stellen Veränderungen vorgenommen wurden, an denen es notwendig erschien, weil sich der Sprachgebrauch im Deutschen verändert hat oder eine stärkere Treue zum Originaltext erreicht werden sollte. Nehmen wir ein Beispiel, Jesus zu Gast bei Maria und Marta in Lukas 10. Es hieß: „Maria hat das Bessere gewählt, das soll ihr nicht genommen werden.“ Nun heißt es: „Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.“ Der griechische Text beinhaltet nämlich keine wertende Gegenüberstellung. Da ist die neue Einheitsübersetzung auf jeden Fall textgetreuer.

Wenn der Inhalt also im Wesentlichen gleich geblieben ist, lohnt es sich da überhaupt, sich auch selbst eine Bibel zu kaufen? Viele lesen ja schon die nicht, die zu Hause steht ...

Ich denke, es lohnt sich auf jeden Fall. Gerade die Adventszeit lädt doch dazu ein, diese schönen und bedeutsamen Texte wieder einmal zur Hand zu nehmen. Die revidierte Einheitsübersetzung wird ja für die nächsten Jahrzehnte im liturgischen Gebrauch sein und auch im Religionsunterricht Verwendung finden. Die Gläubigen werden sich bestimmt bald an diesen neuen Klang gewöhnen.

Das ist ein gutes Stichwort. Manchmal ist zu hören, dieser Klang, diese Sprache sei nicht mehr zeitgemäß. Inwiefern kann die neue Übersetzung da helfen?

Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Einerseits wurde die Sprache tatsächlich angepasst. Maria und Elisabet haben in der bisherigen Einheitsübersetzung ein Kind „empfangen“, jetzt heißt es, „Sie sind schwanger“. Auf der anderen Seite wurde die neue Einheitsübersetzung aber mehr dem hebräischen und griechischen Sprachgebrauch sowie den biblischen Sprachbildern angepasst. Sie wirkt dadurch nicht mehr ganz so glatt. Bei der alten Einheitsübersetzung habe ich manchmal das Gefühl, als hätten eine Menge Deutschlehrer mit daran gearbeitet, die zum Beispiel alle Wiederholungen konsequent beseitigt haben. Aber gerade diese Wiederholungen, kleine Füllworte wie „ja“ oder „und siehe“ sind typisch für biblische Sprache. Dadurch wirkt der neue Text manchmal sogar eher „aufgeraut“.

Wenn der Text nicht mehr ganz so glatt ist: Wie gefällt Ihnen persönlich die revidierte Version?

In erster Linie finde ich es sehr interessant und auch spannend, die bisherigen Texte mit den neuen zu vergleichen. Das kann einen auch zum Nachdenken darüber bringen, aus welchen Gründen sich etwas verändert hat. Man könnte das sogar zu einem Hobby machen: Die Texte zu vergleichen und auf sich wirken zu lassen. Vor allem bietet die neue Einheitsübersetzung aber eine Gelegenheit, die Bibel überhaupt für sich neu zu entdecken. Da tut sich einem immer wieder eine ganz neue, eine ganz besondere Welt auf, die vielleicht auch ein bisschen fremdartig und sogar faszinierend ist. Ich sehe in der neuen Einheitsübersetzung also eine Einladung an die Katholiken zum Bibellesen. Mein Tipp dabei wäre, gerade im Advent mit dem Lukasevangelium und seinen schönen Geschichten anzufangen.

 

Das Gespräch führte Anna Protzek