Der Heilige, der die spätere Bistumspatronin bekehrte und den ersten Augsburger Bischof weihte.

Narcissus war der Funke, der in Augsburg das Christentum entzündete

27.02.2020 12:00

Am 18. März wurde bis zur Liturgiereform das Fest des heiligen Narcissus gefeiert. Er bekehrte die Prostituierte Afra, die daraufhin den Märtyrertod erlitt, und weihte ihren Onkel Dionysius (oder Zosimus) zum ersten Bischof von Augsburg. 

Bischof Narcissus tauft Afra. Abb. auf dem Steinsarkophag des hl. Narcissus © Andreas Düren

 

Der Erzählung von der Bekehrung der heiligen Afra, der „Conversio S. Afrae“ aus dem 9. Jhdt. zufolge kam Bischof Narcissus von Gerona während der Diokletianischen Verfolgung (303 n. Chr.) mit seinem Diakon Felix nach Augsburg. Dort fand er im Hause der Prostituierten Afra eine Unterkunft. Afra war die Tochter eines zyprischen Königs. Nachdem dieser erschlagen worden war, hatte ihre Mutter Hilaria sie auf den Weg außer Landes gebracht. Von ihrer zyprischen Mutter war Afra zur Dienerin der Liebesgöttin Venus bestimmt worden.

Durch das Gebet von Narcissus und Felix wurde Afra nun bekehrt und empfing mit einigen Dienerinnen sowie ihrer Mutter Hilaria die Taufe. Die beiden Gottesmänner blieben noch neun Monate in Augsburg und tauften auch den Onkel von Afra, Dionysius (oder Zosimus). Schließlich weihte Narcissus diesen Dionysius (oder Zosimus) zum ersten Bischof von Augsburg.

 

Das Martyrium der vom heiligen Narcissus bekehrten heiligen Afra

Nachdem Afra den christlichen Glauben angenommen hatte und den römischen Soldaten nicht mehr zu Diensten war, brachte man sie vor Gericht. Sie bekannte vor dem Richter mutig ihren Glauben an Jesus Christus und wurde im Jahre 304 darum zum Feuertod verurteilt und auf einer Lechinsel verbrannt. „Sanguis martyrum – semen christianorum“ (Tertullian): das Blut der Märtyrer ist Same für neue Christen. Aus dem Blut der vom heiligen Narcissus bekehrten Märtyrin Afra wuchs das Christentum in Augsburg. Somit war der heilige Bischof Narcissus der Urheber der Christianisierung in unseren Landen – der Funke, der in Augsburg das Christentum entzündet hat.

Die Afraverehrung erfuhr durch die heiligen Bischöfe Simpert (750-807) und Ulrich (890-973) eine besondere Förderung. Bischof Embriko v. Augsburg (1063-1077) fand beim Neubau der Afrakirche in einem römischen Steinsarkophag die Gebeine einer Frau, die man als Afra-Reliquien identifizierte. Die Auffindung und darauf folgende Übertragung der Gebeine im Jahr 1071 in die neue St. Ulrich- und Afrakirche führte zu einem Aufblühen des Narcissus-Kultes in Augsburg. Man schickte daher von Augsburg einen Boten nach Gerona mit der Bitte um Narcissus-Reliquien. Dort hatte man Ende des 10. Jahrhundertes einen in einem römischen Sarkophag aufgefundenen, mumifizierten Leichnam mit dem aus der „Conversio S. Afrae“ bekannten Bischof Narcissus identifiziert und in der Kirche des gleichfalls aufgefundenen Märtyrers Felix Africanus beigesetzt, (der nicht identisch ist mit dem Diakon der Conversio). Möglicherweise hat aber auch erst die Anfrage die Auffindung und Übertragung der Gebeine des hl. Narcissus ausgelöst.

Die Verehrung des heiligen Bischofs Narcissus in Augsburg und in Girona

Bischof Berengar v. Gerona übergab dem Boten aus Augsburg im Jahr 1087 ein Stück einer im Grab des Narcissus gefundenen Stola und teilte mit, dass der Leichnam des Heiligen unverwest erhalten sei. In den folgenden Jahrhunderten wurden dadurch die Basilika St. Ulrich u. Afra sowie der Mariendom in Augsburg Brennpunkte der Narcissus-Verehrung. Das liturgische Fest wurde bis zum Jahr 1914 in den Bistümern Augsburg und Gerona am 29. Oktober gefeiert (nach dem Martyrologium Hieronymianum), ab 1914 dann am 18. März (nach dem Martyrologium Romanum). Im Zuge der Liturgiereform des II. Vatikanums fiel das Fest weg.

Die erwähnte Anfrage aus Augsburg führte in Gerona – dem heutigen Girona (bei Barcelona) – zu einer Intensivierung des Narcissus-Kultes. Eine der Fürsprache des Narcissus zugeschriebene Errettung vor dem Angriff französischer Truppen im Jahre 1285 – „milago de las moscas“: über die Angreifer, die das Narcissus-Grab plündern wollten, fielen Mückenschwärme her und trieben sie in die Flucht – gab der Verehrung weiteren Auftrieb. Narcissus wurde zum Schutzpatron der Stadt Gerona; sein Fest wurde in der Diözese Gerona sowie ab dem 17. Jhd. in den Kirchenprovinzen Tarragona, Valencia und Zaragoza und schließlich in ganz Spanien begangen. In Gerona erhielt Narcissus im Jahr 1328 ein kostbares Alabastergrab in der Kirche St. Felix. 1792 erfolgte die Übertragung und Beisetzung in eine an die Kathedrale angebaute Narcissus-Kapelle in einem wertvollen Silbersarkophag. Seit dem 14. Jhd. förderten Bruderschaften in Gerona, Barcelona und Valencia die Verehrung des Heiligen, von denen sich die Geroneser, zuletzt wiederbelebt 1950, über alle Wechselfälle der Jahrhunderte bis heute gehalten hat. Vor allem in Gerona entwickelte sich reiches Brauchtum.

Im spanischen Bürgerkrieg wurde das Grab in der Kathedrale geplündert; die Reliquien sind seitdem verschollen. Das liturgische Fest wurde bis ins 19. Jhd. im Rang eines Apostelfestes begangen (Duplex II. classis); Narcissus wurde schließlich Hauptpatron der Diözese, das liturgische Fest weiter aufgewertet (Duplex I classis cum octava communi). Es hat sich trotz der ernsten Bedenken an der Historizität des Heiligen wegen der Verwurzelung in der Volksfrömmigkeit im Unterschied zu Augsburg nach entsprechender Überarbeitung der liturgischen Texte in der Liturgiereform auch über 1967 gehalten. In der Kunst wird Narcissus als Bischof in bischöflischem Ornat mit Mitra und Stab, gelegentlich zu seinen Füßen ein Drache, häufig zusammen mit der hl. Afra und ihren Gefährtinnen, dargestellt.

Quelle: Johannes Grohe, Art. Narcissus, in: BBKL VI (1993), Sp. 457-460
Bearb. von: Peter Christoph Düren

Steinsarkophag des heiligen Bischofs Narcissus in der Kirche St. Felix von Girona © Andreas Düren
Altarbild des heiligen Narcissus im Dom von Girona © Andreas Düren
Dom von Girona (bei Barcelona) © Andreas Düren