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„Wir müssen wieder neu und genauer auf das Wort Gottes hinhören lernen“ - Interview mit Pfarrer Ulrich Müller zur Einführung des neuen Mess-Lektionars

28.11.2018

Am kommenden Sonntag beginnt ein neues Kirchenjahr. Und „neu“ bedeutet in diesem Fall auch ganz konkret: Ab dem ersten Adventssonntag wird das neue Mess-Lektionar mit den Texten aus der überarbeiteten Einheitsübersetzung des Alten und Neuen Testaments eingeführt. Anna Protzek, Hospitantin bei der Pressestelle, hat sich mit Pfarrer Müller, Leiter des Fachbereichs Liturgie und Liturgische Bildung in der Abteilung Gottesdienst und Liturgie, über die Einführung des neuen Mess-Lektionars und deren Auswirkungen auf die Liturgie unterhalten.

Welche Auswirkungen hat die neue Bibelübersetzung für die Liturgie im Gottesdienst?

Die revidierte Bibelübersetzung von 2016 wird für die kommenden Jahre der verbindliche Text für die Verkündigung des Wortes Gottes in der Feier der Liturgie sein. Darauf weist schon das Wort „Einheitsübersetzung“ hin. In allen Gottesdiensten, die im deutschen Sprachgebiet gefeiert werden, sollen die Gläubigen denselben Text aus der Heiligen Schrift hören. Dies gilt für die Lesungen aus dem Alten und Neuen Testament, für die Verkündigung des Evangeliums, aber auch für den Antwortpsalm und den Halleluja-Ruf. Das ist ja auch der Grund, warum wir neue Lektionare benötigen. Denn sie beinhalten die verbindlichen Schrifttexte für die Feier der Liturgie.

Unabhängig von den Evangelien und Lesungstexten: Sind auch weitere Elemente des Gottes-dienstes von den Veränderungen durch die neue Einheitsübersetzung betroffen?  

Die in der Feier der Liturgie gesprochenen Gebetstexte, die Anklänge oder Gedanken an die Heilige Schrift enthalten, sind davon nicht betroffen. Dennoch müssen in den kommenden Jahren alle liturgischen Bücher überarbeitet werden, die biblische Schriftstellen enthalten. Das sind mit Ausnahme des Messbuches alle anderen liturgischen Bücher. Die neue Auflage des liturgischen Buches zur Kindertaufe enthält bereits die Lesungen aus der neuen Einheitsübersetzung.

Sie sprechen in Ihrer Antwort schon die unterschiedlichen Bücher an, die es für besondere Messen, Feiertage, aber auch die unterschiedlichen Lesejahre gibt. Liegen die Übersetzungen für die insgesamt acht Bücher bereits vor oder muss der Gottesdienstbesucher noch mit einem Übergang zwischen neu und alt rechnen?

Sie sprechen vom Lektionar, aus dem das Wort Gottes in der Messfeier verkündigt wird; aber nicht nur dort. Denn das Lektionar kann in jedem Gottesdienst zur Verkündigung des Wortes Gottes zum Einsatz kommen. Ja, es stimmt, das Lektionar liegt im deutschsprachigen Raum in acht Bänden vor. Das liegt an der Leseordnung in unserer Liturgie: Allein drei Bände sind für die Sonntage vorgesehen, jeweils ein Band für ein Lesejahr. Drei weitere Bände sind für die Wochentage bestimmt, ein Band für die Feier der verschiedenen Sakramente, ein letzter Band für Messfeiern in besonderen Anliegen und für Votivmessen. Von diesen acht Bänden ist nun der erste erschienen, nämlich der für die Sonntage im Lesejahr C, aus dem vor allem aus dem Lukasevangelium gelesen wird. Bis alle acht Bände erschienen sein werden, wird es noch dauern. Angedacht ist, dass bis zum Jahr 2022 alle benötigten Lektionare vorliegen werden, auch das Evangeliar, von dem wir noch überhaupt nicht gesprochen haben. Wenn alle Lektionare vorhanden sind, wird der Text der revidierten Einheitsübersetzung in der Feier der Liturgie verbindlich sein, dann dürfen die Schriftlesungen nicht mehr aus den alten Lektionaren verkündet werden. Bis dahin gilt noch eine Übergangszeit.

Ist es auch denkbar, den Text des Messbuchs insgesamt zu überarbeiten?

Derzeit stellen die Bischöfe der deutschsprachigen Bischofskonferenzen gerade die Weichen für die Erarbeitung eines neuen Messbuches. Diese Überarbeitung hat aber weniger mit der neuen Einheitsübersetzung zu tun, sondern damit, dass es bereits seit etlichen Jahren ein neues römisches Messbuch in lateinischer Sprache gibt, das ins Deutsche übertragen und in das deutsches Sondergut eingearbeitet werden muss.

Wie bewerten Sie die revidierten Texte persönlich? Klingen Sie schöner oder sind sie vielleicht einfacher zu lesen?

„Schön“ ist für mich keine Kategorie, wenn es um die Heilige Schrift geht. Die Verkündigung des Wortes Gottes in der Feier der Liturgie wird durch den neuen Text der revidierten Einheitsübersetzung sicherlich eine Herausforderung sein. Alle, die im Gottesdienst die Schriftlesungen vom Ambo aus verkünden werden, werden über die eine oder andere neue Formulierung stolpern. Umso wichtiger wird eine gediegene Vorbereitung im Blick auf den Vortrag der Lesung notwendig sein. Aber ich sehe in den neuen Texten eine große Chance: Wir müssen wieder neu und genauer auf das Wort Gottes hinhören lernen. Und das ist für mich wichtiger als die Frage, ob die Texte schön sind.

 

Das Gespräch führte Anna Protzek