Martinsmünster

 

Das Martinsmünster (vom Schimmelturm aus gesehen)

Das Martinsmünster ist Lauingens Pfarrkirche und gleichzeitig das bedeutendste Bauwerk der mit historischen Gotteshäusern und Denkmälern überaus reich gesegneten Stadt. Am Ende des Mittelalters in einer kurzen Bauzeit von nur fünf Jahren 1516 bis 1521 errichtet, ist St. Martin eine der letzten großen gotischen Hallenkirchen Süddeutschlands und zugleich eine der harmonischsten Raumschöpfungen am Übergang von der Gotik zur Renaissance überhaupt.

Wohl bereits im 6. Jahrhundert wurde nahe dem heutigen Rathaus ein fränkischer Wirtschaftshof errichtet, dem sicher eine Kapelle zugehörte, die von Anfang an dem Stammesheiligen der Franken, dem hl. Martin von Tours geweiht war. Bei diesem Hof ließ sich vermutlich im 7. Jahrhundert eine Gruppe alamannischer Siedler nieder, deren Anführer Lougo hieß; die neue Dorfsiedlung erhielt den Namen „bei den Leuten des Lougo, bei den Lougoingern“, woraus sich später der Name „Lauingen“ bildete.

Im 8. Jahrhundert wurde Lauingen Pfarrei, die Martinskapelle wurde Pfarrkirche. Unter staufischer Herrschaft entstand vermutlich im 12. Jahrhundert unter Einbeziehung des alten Dorfes Lauingen mit seiner Martinskirche die Stadt Lauingen als systematisch angelegte Neugründung.

Die heutige Pfarrkirche besaß mehrere Vorgängerbauten. Die letzte Vorgängerkirche war eine dreischiffige romanische Basilika, in der vermutlich auch der bedeutendste Sohn Lauingens, der hl. Albert d. Gr., getauft worden war. Dieses romanische Gotteshaus, über dessen Größe und Aussehen es keine  gesicherten Erkenntnisse gibt, musste zu Beginn des 16. Jahrhunderts dem gewaltigen Neubau der spätgotischen Hallenkirche weichen.

Für Planung und Ausführung des in verputztem Backstein errichteten Baus der heutigen Pfarrkirche war wohl der Augsburger Baumeister Hans Hieber unter Mitwirkung von Stephan Weyrer d. Ä. aus Nördlingen verantwortlich. Bereits nach vier Jahren konnte der gewaltige Bau geweiht werden, im darauffolgenden Jahr erfolgte seine Einwölbung. In den Jahren nach 1560 wurde der Turm auf 56 Meter Höhe ausgebaut und von Hans und Jörg Degeler vollendet. 1570 erfolgte im Chorraum für die verstorbenen Mitglieder des Hauses Pfalz- Neuburg der Einbau der Fürstengruft, die 1601 erweitert wurde; die 1781 und dann nochmals 1871 daraus entfernten Särge, Gewänder und Schmuckstücke können heute im Bayerischen Nationalmuseum in München bewundert werden und bilden dort das sog. „Lauinger Zimmer“ mit Kostbarkeiten aus der Zeit der Renaissance.

Lauingen, seit 1268 wittelsbachisch, war wenige Jahre vor Baubeginn des Münsters Nebenresidenz des 1505 errichteten Fürstentums Pfalz- Neuburg geworden. Auf Anordnung seiner Landesherren wechselte der Ort innerhalb von 100 Jahren sechs Mal die Religionszugehörigkeit: Bereits 1542 nahm Lauingen auf Befehl des Pfalzgrafen Ottheinrich den evangelischen Glauben an. 1546 belagerte Kaiser Karl V. Lauingen und ordnete nach der Übergabe der Stadt die Rückkehr zur katholischen Glaubensausübung an. 1552 wurde Lauingen im Passauer Vertrag an Herzog Ottheinrich zurückgegeben, der erneut den evangelischen Glauben anordnete; in dieser Zeit wurde die damalige Inneneinrichtung der Pfarrkirche ausgeräumt und vernichtet. 1613 trat der pfalz- neuburgische Herrscher Wolfgang Wilhelm zum katholischen Glauben über und ordnete den erneuten Religionswechsel an. Nach langen Verhandlungen beugten sich die Lauinger, 137 bedeutende evangelische Familien verließen damals die Stadt. Im 30-jährigen Krieg rückten am Karfreitag 1632 die protestantischen Schweden in Lauingen ein und setzten wiederum ihren Glauben durch. 1634 fiel Lauingen an die kaiserlichen Truppen; Herzog Wolfgang Wilhelm führte damals erneut den katholischen Glauben ein. Nach dem Ende des 30-jährigen Krieges blieb Lauingen endgültig katholisch. Die lange Zeit der konfessionellen Verwirrung war indes nicht spurlos an der Pfarrkirche vorübergegangen; von der ursprünglichen, sicher qualitätvollen Ausstattung war so gut wie nichts mehr übrig. Nun endlich, als Frieden eingekehrt war, konnte die dringend notwendige Neuausstattung des Martinsmünsters angegangen werden, dem daraufhin im Geschmack der damaligen Zeit ein barockes Kleid angelegt wurde. Diese Barockausstattung gefiel allerdings schon im 19. Jahrhundert nicht mehr und fiel im Jahr 1880 bis auf das Gestühl und den Kreuzweg einer „Regotisierung“ zum Opfer.

Noch einmal, nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde gewaltsam Hand angelegt an der Ausstattung der Kirche: Nachdem bei Renovierungsmaßnahmen in den 50er- Jahren des 20. Jahrhunderts im Emporenbereich hinter der Orgel Fresken aus der Erbauungszeit entdeckt und freigelegt worden waren, störte der neugotische Prospekt der Orgel; er wurde entfernt und durch einen Freipfeifenprospekt des damals renommierten Architekten Thomas Wechs ersetzt, der einen freien Blick vor allem auf das Fresko des Lebensbaums ermöglichte. Leider fielen dieser „Purifizierungsmaßnahme“ auch zwei kleinere Seitenaltäre und die prächtige Kanzel zum Opfer. Erhalten blieben der großartige Hochaltar mit einer Pfingstdarstellung sowie zwei große Seitenaltäre mit Weihnachtsdarstellungen, links mit der Anbetung der Könige, rechts mit der Anbetung der Hirten.

Die rechteckige Halle von St. Martin beeindruckt allein schon wegen ihrer Größe: Der Länge von 62 Metern im Innern stehen dort eine Breite und eine Höhe von jeweils etwa 22 Metern gegenüber (dieses Maß wiederholt sich auch in den verbauten Backsteinziegeln, die 62x 22cm groß sind); das Dach erreicht eine Firsthöhe von 40 Metern. Der in drei gleich breite und hohe Schiffe unterteilte Raum besitzt ein in perfekter Harmonie gefertigtes Netzrippengewölbe, das bereits beim Betreten der Kirche die Aufmerksamkeit des Besuchers auf sich zieht und von sieben Paaren schlanker, glatter zylindrischer Säulen getragen wird. Weite und Helle des großzügigen Raumes lassen den Eintretenden förmlich aufatmen und vermögen das Herz und die Gedanken buchstäblich zu Gott zu erheben.

Die bereits erwähnten Fresken auf der Empore wie auch die unter einigen Fenstern freigelegten Fresken eines Kreuzwegs stammen aus der Zeit von 1521/22, wahrscheinlich von der Hand des Lauinger Malers und Kirchenpflegers Mathis Reiser. Ebenfalls aus der Erbauungszeit der Kirche stammt das große Kruzifix über dem Zelebrationsaltar, ein Werk des Nördlingers Peter Trünklein. Unter der westlich gelegenen Empore befindet sich der Hochgrabsarkophag der Pfalzgräfin Elisabeth (+ 1563) aus dem Jahre 1572. Aus der Barockzeit hat sich das Gestühl erhalten, das in hiesigen Schreinerwerkstätten entstand. Der monumentale barocke Kreuzweg ist eine sehr qualitätvolle Arbeit des ortsansässigen Malers Johann Anwander (1715- 1770). Die neugotische Einrichtung entstand in den Jahren 1880/81 in den Werkstätten des Joseph Riedmiller aus München und des Joseph Hieber aus Augsburg. Besondere Beachtung verdienen die neugotischen Glasfenster der dreiteilig gefalteten Chorpartie: Sie stammen von der Lauinger Glasmalereianstalt Mittermaier und überzeugen durch ihre differenzierte Farbigkeit und die wohlproportionierte Aufteilung ihres Bildprogramms. Der Zelebrationsaltar, der die kostbare Reliquie der Hirnschale des hl. Albert birgt, und der Ambo sind Werke des Münchner Bildhauers Klaus Backmund; beachtenswert sind auch die Lampen im Kirchenschiff, die, obgleich ähnlich, so doch alle verschieden, nach Entwürfen des Lauinger Künstlers Gottfried Schreiber von der einheimischen Spenglerwerkstatt Hummel geschaffen wurden (alles 1987 im Zuge der letzten großen Kirchenrenovierung gefertigt).

Das äußere Erscheinungsbild des Münsters wirkt ohne Zierat durch seine Einfachheit herb, monumental und kraftvoll. An der Ostseite außen ist ein Römischer Votivstein angebracht, der dem Apollo Grannus geweiht war; er stammt von der Tempelanlage in Faimingen und fand, wie zahlreiche andere Teile dieser Tempelanlage, als Spolium eine neue Verwendung beim Bau des Münsters.

Das Martinsmünster, das größte Gotteshaus zwischen Ulm und Ingolstadt, einer der ehrwürdigsten Sakralbauten im Bistum Augsburg, ist die Mutterkirche Lauingens; Generationen von Lauingern empfingen hier die Sakramente und fanden hier Trost und Heimat im gemeinsamen und im persönlichen Gebet. Der Erhalt dieses gewaltigen Baus wird die immer kleiner werdende Pfarrgemeinde in der Zukunft vor große Aufgaben stellen. Im Vertrauen auf Gottes Güte und auf die Fürsprache des hl. Martin wie auch des hl. Albert wird das Münster aber auch für zukünftige Generationen Ort der Begegnung mit dem heiligen Gott bleiben, sein würdiges Haus und eine bergende Heimat für die ganze Gemeinde.

 

Innenansicht des Martinsmünsters
Der Glockenturm des Martinsmünsters