Altarbild in St. Stephan

Diakon Hubertus Hess erläutert Ihnen an Hand eines Predigttextes unser Altarbild in St. Stephan:

Stephanus, eine strahlende Gestalt - Homilie zu Apg 6,8-10; 7,54-60

Liebe Schwestern und Brüder der St.-Stephan-Gemeinde!

 

1. Stephanus - eine leuchtende Gestalt

Er ist mir gleich aufgefallen, als ich vor Jahren erstmals diese Kirche betreten habe:
der heilige Stephanus, so wie er auf dem großen Tafelbild von Erwin Holzbaur abgebildet ist - eine strahlende Gestalt im Schatten der Mauer, bekleidet mit der weißen Dalmatik, dem Diakonengewand, worin er sich klar abhebt von dem bedrohlich dunklen Stadttor, das wie eine finstere Kerkermauer wirkt.

Aber auch vor den Richtern und Schergen, die ihn umgeben, leuchtet er hervor, vor den Henkersknechten, die mit roher Gewalt die Steinigung vollstrecken:
diesen Gestalten der Finsternis, wie sie uns in allen Kapiteln der Weltgeschichte begegnen;
diesen Figuren der unbarmherzigen Härte, des gnadenlosen Terrors, vor denen  Menschen und Völkern heute wie seit eh und je angst und bange ist.  

Mitten darin diese lichtvolle Erscheinung des Stephanus, wie er leuchtendes Zeugnis ablegt vom Eintreten der rettenden Gnade Gottes in die Menschheit; Stephanus, der erste Märtyrer der jungen Kirche, eine strahlende, reine Gestalt in dunkler Zeit.

Auf zwei Momente dieses Bildes möchte ich die Aufmerksamkeit lenken:
- auf die Haltung des Stephanus seinen Feinden gegenüber
- und auf seine Haltung zu Jesus.

 

2. Den Richtern zugewandt

Schauen wir zuerst, wie er seinen Widersachern und Richtern begegnet, allen voran dem Saulus, seitlich sitzend im grünen Gewand.

Halb zugewandt zeigt er sich ihnen,
und, obwohl schutzlos und ungesichert, dennoch nicht verängstigt, nicht geduckt, nicht abwehrend, er weicht ihnen nicht aus, beugt sich ihnen nicht.

Aufrecht tritt er ihnen entgegen;  unerschrocken, aus einer bewundernswerten inneren Kraft heraus; offen und verletzbar gibt er sich ihrer Übermacht preis - und wird zum Opfer ihrer grausamen Lynchjustiz: ohne Waffe in der Hand, ohne Stein, ohne Gegengewalt, ohne rachsüchtige Drohung,
ganz im Gegenteil: "Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an" (Apg 7,60).
 
Stephanus, ein zweiter Christus:
- wie Jesus hat man ihm wegen Gotteslästerung einen unfairen Prozess gemacht;
- wie Jesus hat man ihn vor die Stadtmauern Jerusalems hinausgeschleppt, um ihn dort zu töten;
- wie Jesus betet er um Vergebung für seine Mörder;
- wie Jesus ruft er sterbend zu Gott: "Nimm meinen Geist au." (Apg 7,59).

Stephanus - wie Jesus - ein Lamm inmitten der Menschenwölfe:
das Bild des wahren, des authentischen Christen.

Sein Bekennermut und seine hochherzige Bereitschaft zu vergeben, erschüttern offensichtlich den Fanatismus des hasserfüllten Saulus, dieses rasenden Feindes der jungen Christengemeinde.

Stephanus, der seinen Mördern hilflos ausgeliefert ist, der nach unserem Ermessen nichts mehr tun kann, tut sterbend noch etwas ganz Großartiges: In seinem letzten Gebet rührt er an die göttliche Barmherzigkeit, die den Christenhasser Saulus in den glühenden Christus-Bekenner Paulus verwandelt. Die Damaskusstunde nimmt - so dürfen wir vermuten - ihren Anfang im Martyrium des Stephanus.

Welche Macht hat doch christliche Vergebungsbereitschaft! Sie durchbricht den Teufelskreis von Gewalt und Gegengewalt. Die Spirale des Hasses und der Rache wird besiegt durch die noch größere Kraft der Liebe und  der Hingabe.
Weil Gott an Weihnachten in der Ohnmacht der Liebe zu uns gekommen ist, kann fortan das Böse überwunden werden. Allein solche Liebe vermag noch etwas in dieser wahnwitzigen Welt.

 

3. Christus zugewandt

Ein zweites Moment möchte ich mit Ihnen betrachten: die kniende und betende Haltung des Stephanus.

Nicht vor den Richtern des Hohen Rates ist er auf die Knie gefallen, sondern vor dem ewigen Richter; seine ganze Gestalt sagt es ja:
Den Blick nach oben gewandt - "Ich sehe den Himmel offen" (Apg 7,56);
die Arme und Hände in der Gebetshaltung der frühen Kirche - "Herr Jesus, nimm meinen Geist auf" (Apg 7,59) -,
so drückt er aus, wen er anbetet, wem er sein Leben hingibt: Jesus, dem er dient, dessen Diakon er ist.

"Das gebeugte Knie und die hingehaltenen leeren Hände sind die beiden Urgebärden des freien M."
Alfred Delp, einer der ungezählten Märtyrer des 20. Jahrhunderts,  hat diese Worte vor seiner Hinrichtung geschrieben, im Gefängnis - mit gefesselten Händen.

Es ist eines der großen Paradoxe unseres Glaubens: Niemand ist freier als ein Christ, der sich vor Gott beugt, mag er selbst von den Menschen oder einer widrigen Schicksalsmacht gequält oder gar vernichtet werden.  

Henri Nouwen schreibt, die hoffnungsvollsten und freudigsten Augenblicke seines Lebens seien Momente großer Schmerzen gewesen, weil er gerade darin - intensiver als sonst - Gottes Nähe erfahren habe.

So wendet auch der sterbende Stephanus Jesus, dem erhöhten Herrn, sein Gesicht zu; sein  Blick und der Blick Jesu treffen sich;
auch die Hände sind einander zugeordnet: die anbetenden Hände des Stephanus und die von den Wundmalen gezeichneten Hände Jesu. Der Herr zeigt seine Bereitschaft, Stephanus in seinen Armen zu empfangen.

Jesus und Stephanus - sie gehören zusammen, sie entsprechen einander wie WORT und Antwort. Beide leben in einer tiefen Beziehung, die selbst dann nicht lau wird, wenn es um Leib und Leben geht. Jesus leuchtet in Stephanus auf.

 

4. Im Goldglanz des Himmels

Vom Lichte Gottes ist der Heilige erfüllt.
Wer Gott begegnet ist, dessen Augen leuchten vom Licht des Himmels. Einem gotterfüllten Menschen ist es anzusehen, dass er den Glanz Gottes in sich trägt. Ein feines Leuchten geht von ihm aus.

Von oben empfängt Stephanus den Lichtstrahl: Von der Silbertaube des Heiligen Geistes, die hoch über dem Rahmen der Tafel schwebt, fällt der Gnadenstrahl auf ihn herab, direkt in seine geöffnete Rechte.

Und so leuchtet sein Gesicht im selben Goldlicht, das auch die Himmelswelt symbolisiert. Der Schein, der sein Haupt umstrahlt, die Aureole, ist Gold von der Lichtwelt Gottes. Das himmlische Jerusalem hat gleichsam "abgefärbt" auf dieses leuchtende Vorbild unseres Glaubens.

Für uns aber, die wir gleichsam noch im Schatten der Mauer leben, ist Stephanus ein "Lichtsame" (Arthur Maximilian Miller)  der künftigen Welt. Auf ihm hat unsere Gemeinde ihren Altar gebaut.

Dass doch dieser Lichtsame in uns keimen möge!
Dass doch heute schon durch uns ein wenig vom Glanz des himmlischen Jerusalem in unsere Gesellschaft hineinstrahlen möge!
Dass doch Christus in jedem von uns Gestalt annehmen möge in dieser manchmal so düsteren Zeit!

AMEN.