Archäologische Ausgrabungen auf der Insel Wörth im Staffelsee

Mitteilung der Freunde der bayerischen Vor- und Frühgeschichte Nr. 69 vom September 1992

Die Bemühungen des «Kuratoriums zur Förderung der Klostergrabung auf der Insel Wörth im Staffelsee e.V.» unter der Schirmherrschaft des Ministerpräsidenten Dr. h. c. Max Streibl wurden 1992 von Erfolg gekrönt. Dieses Kuratorium hatte sich 1989 aus Mitgliedern der Gemeinde und Pfarrgemeinde Seehausen sowie des LIONS-Clubs Murnau-Staffelsee konstituiert mit dem Ziel, das auf der Insel Wörth im Staffelsee vermutete frühmittelalterliche Benediktinerkloster archäologisch zu untersuchen. Dank eines namhaften Zuschusses der Bayerischen Landesstiftung und zahlreicher Spenden von Institutionen, Firmen und Privatpersonen war es möglich, in diesem Jahr mit einer auf drei Jahre konzipierten Grabungskampagne zu beginnen, die unter der Leitung der Prähistorischen Staatssammlung München stattfindet.

Eine Suchgrabung, die 1985 auf dem Kirchenhügel der Insel Wörth durchgerührt wurde, konnte schon Hinweise darauf geben, daß sich westlich, südlich und nördlich der dort stehenden Kapelle von 1836 (Abb. 1) ältere Steingebäude befunden haben. Zeitlich entsprechende Funde aus dem 7. und 8. Jahrhundert n.Chr. bestärkten die Vermutung, daß das frühmittelalterliche Kloster an dieser exponierten Stelle der Insel Wörth lag.

Bis 1773 stand hier die Pfarrkirche St. Michael der Gemeinde Staffelsee. Obwohl seinerzeit ein hölzerner Brückensteg die Halbinsel «Burg» (Gem. Seehausen) mit der kleinen St. Jakob-Insel und schließlich der Wörth verband, erschien im 18. Jahrhundert der beschwerliche Zugang zum Gotteshaus für die gläubigen Staffelseeanrainer nicht mehr tragbar.

Nach einer langen Auseinandersetzung mit dem Kloster Ettal, dem seinerzeit die Pfarrei Staffelsee inkorporiert war, wurde schließlich im Winter 1773 die altehrwürdige Pfarrkirche im Staffelsee abgebrochen und ihre Steine auf das Festland transloziert. Aus diesem Baumaterial errichtete man schließlich 1774-1776 die heute noch bestehende Pfarrkirche St. Michael in Seehausen.

So gut wir über das Ende der Pfarrkirche auf der Insel Wörth im Staffelsee unterrichtet sind, so wenig wissen wir über ihre Anfänge. Nach der in der Mitte des 11. Jahrhunderts aufgezeichneten Gründungsüberlieferung des Klosters Benediktbeuern sollen die Gründer von Benediktbeuern, die adeligen Brüder Waldram, Eliland und Landfrid aus dem Geschlecht der Huosi um die Mitte des 8. Jahrhunderts neben Wessobrunn, Schlehdorf, Sandau, Kochel und Polling auch das Kloster Staffelsee gegründet haben.

Über die genaue Lage des frühmittelalterlichen Klosters Staffelsee, das einen Konvent von 25 Mönchen aufnahm, gab es bislang keinen Konsens. Auch das berühmte Staffelseeinventar, das unter Karl dem Großen entstanden ist und eine der bedeutendsten Quellen zur Wirtschaftsgeschichte der Karolingerzeit darstellt, gibt keine Auskünfte darüber, welche Einrichtungen und Konventsgebäude sich außer der sehr reich ausgestatteten Michaelskirche eigentlich auf der Insel Wörth befunden haben.

Ebenfalls von historischer Seite aus nicht zu klären ist die problematische Frage nach dem «Staffelseebistum». Von diesem Bistum wissen wir nur, weil Bischof Simpert von Augsburg während des letzten Viertels des 8. Jahrhunderts einerseits als «episcopus civitatis novae» und andererseits als «episcopus ecclesiae stafnensis» bezeichnet wird. Neben dem Staffelsee erhebt deshalb auch Neuburg/D, einen Anspruch auf einen ehemaligen Bischofssitz, der von Simpert noch vor 810 in die Diözese Augsburg eingegliedert wurde.

Vom Ende des frühmittelalterlichen Klosters Staffelsee ist buchstäblich nichts bekannt. Eine Zerstörung durch die Ungarn im 10. Jahrhundert kann lediglich hypothetisch angenommen werden. Ein Wiederaufbau des Klosters oder lediglich der Kirche, die zur Pfarrkirche der Staffelseegemeinde wurde, ist in schriftlichen Quellen nicht erwähnt.

In die eben kurz angerissene Problematik, die sich aus den mangelnden bzw. vieldeutigen historischen Nachrichten über das Staffelseekloster ergibt, vermochte die diesjährige Grabung schon etwas Licht zu bringen. So konnte festgestellt werden, daß der älteste erhaltene Fußboden der Pfarrkirche St. Michael, deren Außenmauern und Vorhaus ergraben wurden, frühestens im 14. Jahrhundert errichtet wurde. Bei dieser Pfarrkirche handelte es sich, nach einer Beschreibung und Grundrißaufnahme, die kurz vor ihrem Abbruch von dem Hofbaumeister Leonhard Matthäus Gießl angefertigt wurde, um einen etwa 23 m langen und 14 m breiten dreijochigen Saalbau mit dreiseitigem Schluß. Ein massiver Turm an der Südseite des Chores beherbergte im Untergeschoß die Sakristei, südlich des ersten Joches befand sich ein Vorhaus, an das sich ein weiterer Raum mit der Bezeichnung «Kercker oder Gruft» anschloß. Eine heute noch sichtbare Mauer aus gewaltigen, wenig behauenen Feldsteinen an der Südkante des Kirchenhügels wurde wohl nach dem Bau des Kirchenvorhauses errichtet und dürfte als Friedhofsmauer anzusprechen sein. Ihr Gegenstück an der Nordkante des Hanges konnte dieses Jahr ebenso ergraben werden wie insgesamt 18 Bestattungen des 17./18. Jahrhunderts in fragmentarisch erhaltenen Holzsärgen zwischen der Kirchennordmauer und der nördlichen Friedhofsmauer.

Der dreidimensional begrenzte Raum, den der Platz um die Pfarrkirche St. Michael für Bestattungen bot, bedingte offensichtlich, daß im Friedhof von Zeit zu Zeit exhumiert wurde. Die dabei geborgenen Gebeine wurden in großen Skelettgruben, von denen 1985 und 1992 je eine erfaßt wurde, außerhalb des eigentlichen Friedhofsbereiches westlich der Kirche ein zweites Mal beigesetzt. Neben diesen Befunden, die in einen unmittelbaren Zusammenhang mit der Pfarrkirche zu bringen sind, wurden jedoch auch Bauspuren angetroffen, die in keinem Zusammenhang mit dieser Kirche stehen. Es handelt sich dabei vermutlich um die Fundamente zweier langrechteckiger, im rechten Winkel zueinander angeordneter Steingebäude, die aus wenig behauenen Geröllsteinen in Trockenmauertechnik errichtet waren. Die zeitliche Priorität eines dieser Gebäude vor der Pfarrkirche ergibt sich vor allem daraus, daß sich seine Nordmauer direkt unter der jüngeren nördlichen Friedhofsmauer befand. Das zeitliche Verhältnis der beiden Gebäude zueinander, ihre absolute Datierung sowie ihre exakten Ausmaße konnten dieses Jahr aufgrund der begrenzten Größe der Grabungsflächen noch nicht ermittelt werden. Die Vermutung liegt jedoch nahe, in ihnen die Reste einer komplexen mittelalterlichen, evt. frühmittelalterlichen steinernen Anlage auf dem Kirchenhügel zu sehen.

Unter den Einzelfunden der Grabung 1992 macht zumindest die mittelalterliche Keramik, darunter auch Fragmente des 7./8. Jahrhunderts, den Hauptanteil aus. Zahlenmäßig zurück treten demgegenüber Keramikfragmente der Urnenfelder-, Latène- und römischen Kaiserzeit, die jedoch zumindest eine Begehung der Insel Wörth in diesen Epochen nachweisen können.

Den bedeutendsten Fund der Grabung 1992 stellt hingegen das Fragment einer flechtwerkverzierten karolingerzeitlichen Chorschrankenplatte dar (Abb. 2), die im Planierschutt unter dem Fußboden der Pfarrkirche gefunden wurde. Sie ist ein sicherer Hinweis darauf, daß sich im 8. Jahrhundert auf der Insel Wörth eine Klosterkirche befunden hat, die am Kirchenhügel der Wörth zu suchen ist, denn ein Planierschutt wird kaum über weite Entfernungen antransportiert worden sein.

Ziel der folgenden Grabungskampagnen wird es sein, diese frühmittelalterliche Kirche zu lokalisieren, Aufschlüsse über ihre Baugeschichte sowie über die Lage und Größe der ihr zugeordneten Klostergebäude zu gewinnen.

Brigitte Haas