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Die Geschichte unserer Pfarrkirche St. Michael

Die Wurzeln dieser Kirche reichen weit in die Vergangenheit zurück. An die tausend Jahre war ihr Platz auf der Insel Wörth.

Der Heilige Bonifatius Fresko des Frh. v. Pechmann, 1866
Der Heilige Bonifatius Fresko des Frh. v. Pechmann, 1866

Die adeligen Brüder Landfried, Waldram und Eliland - vom Volk die Grafen von Antdorf genannt - errichteten in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts im Hausengau herrliche Klöster. Benediktbeuren, Schlehdorf und Kochen zählen dazu. Eliland, der ausgedehnte Besitzungen in der Umgebung von Schöffau, Rieden, Riedhausen, Froschhausen, Egling, Weindorf, Aschau, Murnau und Weichs besaß, gründete um 740 ein Kloster im Staffelsee. Es soll mit 25 Benediktinern besetzt gewesen sein. Im Herbst 742 wurde die Kirche - möglicherweise vom hl. Bonifatius selbst - im Beisein des Bischofs Wikterp von Augsburg und des Herzogs Odilo dem hl. Michael geweiht und dem Gottesdienste übergeben. Dem hl. Bonifatius oblag damals die Kirchenorganisation im bayrischen Raum.

Staffelsee muss wohl für unsere Gegend bald zu einem bedeutenden Mittelpunkt christlicher Kultur emporgeblüht sein, denn immer noch streiten sich die Geister, ob es nicht gar Bischofssitz war.

So vermutete Romuald Bauerreiß, OSB, das uralte Bistum Neuburg sei hier zu suchen. Er weist darauf hin, dass die Bezeichnung „Neuburg“ für Staffelsee nicht verwunderlich sei, da es in unmittelbarer Nachbarschaft die Halbinsel „Burg“ und zwei Inseln „Große Birke“ und „Kleine Birke“ gäbe. (Ihre Namen bedeuten nicht etwa, dass sie mit Birken bestanden seien, sondern meinen vielmehr „bergen“ im Sinne von Schutz gewähren.)

Prof. Friedrich Zoepfl hingegen suchte seine Theorie von einem Bistum Neuburg an der Donau zu erhärten.

Die schriftlichen Beweisstücke aus dem frühen Mittelalter sind spärlich genug, so dass verschiedene Deutungen offen bleiben.

Tatsache ist, dass Bischöfe immer wieder Aufenthalt auf der Insel Wörth nahmen.

Papst Leo III gebrauchte in einem Brief vom 20. April 798 die Anrede „Sintpartus ecclesiae Nivuinburogensis episcopus“

Der Heilige Simpert Bischof in Staffelsee Fresko Frh. v. Pechmann 1866
Der Heilige Simpert Bischof in Staffelsee Fresko Frh. v. Pechmann 1866

In einem Mahnbriefe vom 11. April 800, die bessere Zusammenarbeit mit dem Metropoliten in Salzburg betreffend, spricht der Papst mit Namen die Bischöfe von Säben, Passau, Freising, Regensburg und „Sintperte Stafnensis ecclesiae“ an. (Salzburger Urkundenbuch)

Eine chronikale Nachricht aus dem 12. Jahrhundert besagt, dass unter Simpert Neuburg mit Augsburg vereinigt wurde. Die Annahme liegt nahe, dass Karl der Große dem Bischof den Wunsch gewährte, beim Umzug nach Augsburg dieses kleine, ihm am Herzen liegende Bistum mitzunehmen.

Dass die Kirche gleich einer Bischofskirche ausgestattet war, beweist weiters ein Inventar, dessen Inhalt überliefert ist. Es wurde um 811 auf Veranlassung Karls des Großen, über Kirche und Meierhof im Staffelsee, aufgenommen. Demnach umfasste der Besitz 740 Morgen Ackerland mit 42 zinsbaren Höfen, welche in Rieden, Seehausen, Riedhausen, Weindorf und Söchering lagen. Anbau und Ernte, Tierhaltung, Fron- und Soldatendienst für den Lehensherren, Frauenarbeit wie auch Art und Höhe der Abgaben sind bis in alle Einzelheiten vermerkt.

Die Ausstattung des Gotteshauses zeugt von erstaunlichem Reichtum. Neben vielen anderen Kostbarkeiten lesen wir von einem aus Gold und Silber verfertigtem Altar, fünf vergoldeten Reliquien, Kreuzen mit Edelgestein, einer aufgehängten silbernen Krone, an einigen Teilen vergoldet: „Wiegt zwei Pfund, in der Mitte derselben hängt ein kleines Kreutz von Kupfer übergoldet und ein Apfel von Kristalle. Um die Krone herum hängen 35 Reihen Perlen von verschiedenen Farben.“

Da sind 20 seidene Altartücher, vier seidene Handschuhe, mit Gold und Perlen geziert, viel goldene Ohrgehänge und noch viel mehr - nicht zu vergessen sei die Aufzählung der handgeschriebenen Bücher.

Pfarrer Stanislaus Aloys Kaiser hat in seinem Buche aus dem Jahre 1783, in dem er die Einweihung der jetzigen Dorfkirche beschreibt, genauestens das „Fragment eines Verzeichnisses der Fiscal-Güter Karls des Großen aus einem uralten Helmstädtischen Manuscript“ aufgeführt.

Auch meint er, könnte ein Reliquenkästchen, das bereits im Register erwähnt ist, durchaus das gleiche sein, welches als einziges vom Schatze übriggeblieben und auf uns gekommen ist. Es wird heute im National-Museum in München aufbewahrt.

Kein Wunder, dass dieser Kloster- und Kirchenbesitz im Jahre 907 den einfallenden ungarischen Reiterhorden begehrte Beute war. Aventin erwähnt unter den zerstörten Heiligtümern unseres Bayernlandes ausdrücklich auch Staffelsee. Es wurde ausgeplündert, restlos zerstört und seine Bewohner ermordet.

„Schrecklicheres kann man nicht lesen, als die Schilderungen, welche die bairischen Jahrbücher von den Einfällen der Ungarn, welche im Jahr 907 und 909 am grausamsten waren, machen. Die ganze Menschlichkeit entsetzet sich darüber. Nichts war so schändlich, nichts so scheußlich, das diese Barbaren nicht auf die unerhörteste Art ausübten.

Stanislaus Aloys Kaiser 1736-1809 Chronist und Pfarrer von St. Michael
Stanislaus Aloys Kaiser 1736-1809 Chronist und Pfarrer von St. Michael

So viele Menschen ohne Unterschied des Geschlechtes und des Alters sie erhaschen könnten, wurden entweder erbärmlich geschlachtet oder als Gefangene nach ihren wilden Steppen fortgeschleppt. Um sich immer in der gleichen Wuth zu erhalten, oder selbe noch mehr zu vergrößern, soffen sie das Blut der Erschlagenen; sie durchwühlten derselben Eingeweide, hackten das Herz in kleine Stücklein und fraßen es als Leckerbissen. Sie errichteten Tische von den ermordeten Leichnamen und hielten darüber Mahlzeit.

Kein Haus, keine Hütte wurde ungestöret oder unabgebrannt gelassen und die Erbitterung war ganz besonders über Klöster, Kirchen und Altäre.“ (Pfarrer Stanislaus Aloys Kaiser)

Die verwaisten Besitzungen soll Herzog Arnulf zwischen 908 und 914 übernommen und an seine Getreuen vergeben haben, bis der bischöfliche Stuhl Augsburg 919 schließlich seine Rechte wieder geltend machte.

Kein geringerer als der hl. Ulrich errichtete und weihte um 960 erneut eine Michaelskirche auf der Insel Wörth. Gerne verweilte er auf der Insel und erhielt ebenda die Nachricht vom Tode seines Freundes Kaiser Otto I.

In den folgenden Jahrhunderten war die Inselkirche weiterhin Pastorationsmittelpunkt der ganzen Umgegend. Sie versah die Filialkirchen St. Mauritius in Riedhausen, St. Nikolaus in Murnau, St. Martin in Weindorf, St. Peter und Paul in Rieden und die Pfarrkirchen St. Georg in Ramsach und Weichs.

Ein Pfarrkirchenverzeichnis, wohl auf Veranlassung des Augsburger Bischofs Udalschalk (1187 - 1202) erstellt, nennt Staffelsee mit vier Tochterkirchen im Dekanat Pähl.

Von gleicher Zeit sind auch die Pfarrherren namentlich bekannt.

Aus dem Besitz Kaiser Ludwigs des Bayern 1332 durch Schenkung an Kloster Ettal übergegangen, verblieben Land und Leute bis zur Säkularisation unter dem Krummstab.

Ansicht der Insel Wörth um 1770 Bayerisches Hauptstaatsarchiv

Ansicht der Insel Wörth um 1770 Bayerisches Hauptstaatsarchiv
Ansicht der Insel Wörth um 1770 Bayerisches Hauptstaatsarchiv

Die Beschwerlichkeiten, sommers wie winters von weither die Inselkirche zu erreichen, der Seelsorge zu obliegen mit religiöser Unterweisung, bei Kranken- und Sterbefällen, Beerdigungen, Prozessionen, Bittgängen, Kindstaufen usw. wurden im Lauf der Zeit vom Pfarrherren und den Pfarrkindern immer unerträglicher empfunden. Wohl führte ein Holzsteg von der Halbinsel Burg über die Jakobsinsel zur Wörth. Aber er war nicht bei jedem Wetter begehbar und zeitweilig auch baufällig. - „Ertrunken auf dem Kirchgange“ steht denn nicht selten hinter den Opfern des Staffelsees verzeichnet.

1743 löste sich Murnau nach langen Kämpfen aus dem Sprengel und wurde eigene Pfarrei. Ramsach und Weindorf kamen ihr zu. Doch noch immer umfasste die Michaelskirche auf der Wörth neben Seehausen, Riedhausen und Rieden auch Schöffau mit Kirnberg, Völlenbach und Schönglas (wohl Scheckenglas), Aschau, Weichs, Ohlstadt, Schneid (b. Riegsee) und Pemetsried. „So zerstreuet, dass man sie in einem Tag nicht umgehen könnte“ schreibt Pfarrer Aloys Kaiser.

Dringlich äußerten die Seehauser den Wunsch nach einem Gotteshaus in ihrem Dorfe. Aber die Ettalischen Herren wollten davon wenig hören. Anno 1762 wurde die baufällige Inselkirche „zum Theil ganz neu hergebauet und ... wieder eingeweihet.“ Ach der Pfarrhof wurde nach einigen Jahren renoviert.

Die Schwierigkeiten blieben. Da müsste schon ein Mann kommen, der Ansehen, Einfluss, Geld und Durchhaltevermögen genug besaß, um den allgemeinen Wunsch nach einer Kirche im Orte zu verwirklichen.

Der gebürtige Seehauser Matthäus Rieger, in Augsburg als Buchhändler zu Wohlstand gelangt, machte die Sache der Mitbürger zu der seinen. Vorerst erlangte er die Erlaubnis, auf eigene Kosten in der Gemeinde eine Feldkapelle zu errichten. Sie wurde 1770 fertig. Aber dessen war er nicht zufrieden. Sein Ziel ist, wie er in einem Briefe 1772 schreibt:

„....wenn die über dem See entfernte Pfarrkirche in das Pfarrdorf selbst übersetztet würde, und der Hirt zu den Schafen käme. - Ich wünsche dieses und wenn mein Wunsch mit Gottes Gnade zur Wirklichkeit kömmt, bin ich ehrerbiethig, die hierzu erforderliche Summe baar herzugeben.“

Es sollten noch allerlei Widrigkeiten zu bestehen sein, denn die Herren von Ettal wollten uralten Besitz und uralte Tradition gewahrt wissen. Sie verstanden es, die von München bereits bewilligte Translokation noch einmal abzuwenden. Ja, es kam gar zu gewaltsamen Übergriffen.

„Unaussprechlich war die Traurigkeit des vorher allgemein frohlockenden Volkes, da es noch darüber die abscheuliche Plünderung, Verschließung und Bewachung seiner geliebten Kapelle ansehen, und Drohungen anhören musste, die auf nichts weniger als auf derselben Demolierung abzielten. Dieß, und noch ein anderes hätte man nicht thun sollen.“ (Aloys Kaiser)

Der Heilige Ulrich weihet die neuerbaute Kirche auf der von ihm oft bewohnten Insel feierlich ein. Fresko des Freiherrn von Pechmann in der Kapelle auf der Insel Wörth, 186
Der Heilige Ulrich weihet die neuerbaute Kirche auf der von ihm oft bewohnten Insel feierlich ein. Fresko des Freiherrn von Pechmann in der Kapelle auf der Insel Wörth, 186

Der siebzigjährige Matthäus Rieger ließ sich in der Verwirklichung seines Werkes jedoch durch nichts beirren. Unverdrossen wurde er bei den Behörden vorstellig und verpflichtete sich, alle finanziellen Lasten, die Übersetzung und den Neubau der Kirche betreffend, wie auch die Errichtung eines Pfarrhofes und eines Schulhauses, ganz allein zu tragen.

Bischof Clemens Wenzeslaus von Augsburg und der Landesherr Kurfürst Maximilian Josef bewirkten schließlich, dass am 3. Dezember 1773 „die Pfarrkirche im Staffelsee zu demolieren und auf das feste Land zum Dorf und den Leuten zu übersetzen“ sei.

Die Inselkirche wurde am 20. Dezember 1773 so eilends abgetragen, dass eine neue Verordnung, das Gebäude gegen billigen Ersatz stehen zu lassen, längst zu spät kam. Der Winter war mild und das Eis brüchig, so dass alles Brauchbare unter großen Mühen mit Flößen und Schiffen herübergeholt werden musste.

Anfang April 1774 konnte nach Plänen von Hofbaumeister Gießl mit dem Bau begonnen werden. Schon im Herbste war er unter Dach und der Turm zur Hälfte fertig. Rieger kam so oft er konnte, um selbst Aufsicht zu führen. Die Vollendung seines Lebenswerkes zu sehen blieb ihm versagt. Am 2. April 1775 verstarb er in Augsburg. Die zwei Söhne Matthias und Michael führten die Pläne des Vaters zu Ende. „Im Jahre 1776 war nebst der Kirche und dem Thurm auch die Mauer des Kirchhofes, der Pfarrhof, das Messner- und Schulhaus, samt allen Zugehörungen, alles von Grund auf neu in vollkommenem Stande. Nur der Pfarrer konnte erst im Jahre 1777 den 17ten November den Staffelsee verlassen und seine neue Wohnung beziehen, weil es mit der Regulierung der Congrua (Einkünfte) so lange hergieng.“ (Aloys Kaiser)

Die Einweihung des Gotteshauses erfolgte am 21. Juli 1782 mit großem Gepränge durch Fürstbischof Clemens Wenzeslaus. Ihre Durchlaucht, die verwitwete Kurfürstin von Bayern, Maria Anna, beehrte das Fest mit ihrer Anwesenheit. Zahlreich waren die Würdenträger und geistlichen Herren vertreten bei dem „feyerlichen Consecrations-Act, wie ihn niemals unser Oberland gesehen hat.“

Der Herr Weihbischof spendete mehr als tausend Teilnehmern das hl. Sakrament der Firmung.

“Alle Herzen wurden innigst gerühret. Noch lange werden wir davon mit Entzücken sprechen müssen!“ sagt der Chronist.

Stücke der Innenausstattung waren von der Inselkirche übernommen worden und sind heute noch erhalten. So das Gestühl mit den barocken Wangen, die Beichtstühle, möglicherweise die Figuren des Hochaltares St. Michael und Rafael, desgleichen ein ehemaliges Altarblatt, der 1674 gegründeten Sakramentsbruderschaft gefhörig, das die Verehrung des Allerheiligsten darstellt.

St. Michael in Seehausen am Staffelsee
St. Michael in Seehausen am Staffelsee

Die Gebrüder Rieger statteten die Stiftung mit einer beachtlichen Reihe geistlicher Bücher aus ihrem Verlage und ihrer Privatbibliothek aus. Auch die schöne Monstranz ist ihr Geschenk.

Inzwischen hat unsere Kirche einige Renovierungen erlebt. Die von 1882 war nicht besonders glücklich. Die originalen Farben der Einrichtungsgegenstände und Figuren wurden nach dem Zeitgeschmack überstrichen.

Vor der Tausendjahrfeier 1960 wurde bei Erneuerungsarbeiten an der Außenmauer und im Innenraum versucht, nach alten Plänen das ursprüngliche Bild der Kirche wieder aufzudecken. Dieses Bestreben führte nur teilweise zum Erfolg.

Erst nach einer langwierigen, sorgfältig geplanten Trockenlegung, die Ende 1975 begann, konnte eine endgültige und umfangreiche Renovierung den barocken Glanz und die Schönheit wieder zur Geltung bringen, die schon die gläubigen Herzen unserer Altvordern vor 200 Jahren in Freude bewegte.

Wir verstehen, dass der damalige Pfarrer Aloys Kaiser in einer seiner Festpredigten im Überschwange ausrief:

“Was der Eifer für das Haus Gottes kann, das kann ich euch nicht erklären; aber mit Fingern, sage ich, kann ich es euch zeigen: gehet nur nach Seehausen, gehet, und sehet, was ein Rieger gethan.“