Seit Mai 2013 läuft in Graben im südlichen Landkreis Augsburg ein bundesweit einmaliges Projekt. Unter dem Titel „Wir – DAHEIM in Graben“ setzt sich der Diözesan- Caritasverband Augsburg in Kooperation mit der Gemeinde Graben für Menschen ein, die im Alltag auf Unterstützung und Hilfe angewiesen sind. Die Bürger in Graben möchten auf dieses Angebot schon längst nicht mehr verzichten.
Ein bisschen Stolz und Freude ist Vera Lachenmaier und Karina Pade anzumerken. Gemeinsam sind die beiden Frauen für die Steuerung und Planung des Inklusions- und Sozialraumprojekts in Graben zuständig – ein Projekt mit Modellcharakter für ländliche Gemeinden in ganz Deutschland. „Das Ziel von ‚Wir – DAHEIM in Graben‘ ist es, in der 4000-Einwohner-Gemeinde Graben allen eine wirkliche Teilhabe am Dorfleben zu ermöglichen – egal ob jung oder alt, ob durch eine Behinderung eingeschränkt oder nicht. Wir wollen die Menschen dabei unterstützen, das Dorfleben selbst aktiv mitgestalten zu können, auch Verantwortung dafür zu übernehmen in Zusammenarbeit mit professionellen Einrichtungen und Diensten“, erklärt Vera Lachenmaier. Inklusion sei hier nicht auf Menschen mit Behinderung beschränkt, sondern werde als umfassender Begriff gedacht.
Die Idee, ein derartiges Projekt zu starten, habe sich schleichend entwickelt: „Wir wollten vorbeugen“, sagt Lachenmaier, der demographische Wandel, aber auch Abwanderung oder Jugendkriminalität würden Dörfer wie Graben heute zunehmend vor Probleme stellen. „Als in Graben der Bau eines betreuten Wohnens angedacht war, stellte sich heraus, dass die meisten Menschen auch im Alter zuhause wohnen bleiben möchten. Wir haben dann über­legt, ob durch ein Netzwerk zwischen Ehrenamt und professionellen Diensten ein gemeinsames Miteinander gestaltet werden kann.“ Heute wissen wir, dass es funktioniert, so Lachenmaier: Rund sechzig Kinder, Jugendliche, aber auch ältere Menschen zählen mittlerweile zum ehrenamtlichen Helferkreis der Gemeinde.
In ihrem Büro im Grabener Rathaus, das gleichzeitig als offene Kontaktstelle fungiert, ist Karina Pade für die Koordination des Helferkreises und die Verteilung der jeweiligen Aufgaben zuständig. „Die Helfer können angeben, mit welcher Tätigkeit sie sich einbringen möchten. Die Altersspanne reicht vom Neun- bis zum Achtzigjährigen“, erklärt Pade. Ihre Helferkartei sei stetig gewachsen, vor allem durch Mundpropaganda habe sie die Menschen vom Wert des Projekts überzeugen können. „Wir haben mehrere Leih-Omas, die Familien bei der Kinderbetreuung unterstützen, viele Helfer, die Müll und Wertstoffe wegbringen, der Schulgarten wird in Zusammenarbeit gepflegt, es gibt Friedhofsbegleiter oder man kann einen Tiersitter bestellen.“
Die Bürger selbst bringen immer wieder Ideen ein, verweisen auf Mängel und Barrieren, die Menschen im Dorf vor Probleme stellen. Eine 40-köpfige Themengruppe trifft sich dafür regelmäßig und arbeitet an kreativen Lösungen: „Es gab zum Beispiel keine Supermärkte, nur einen Bäcker. Ältere Menschen hatten Probleme zum Einkaufen gehen zu können. Mittlerweile haben wir einen regel­mäßigen Fahrservice“, so Pade. Auch ein Wochenmarkt habe sich fest etabliert: „Mehrere Lieferwägen sind jetzt unterwegs, die Gemüse, Käse oder Kartoffeln aus dem Ort anbieten. Es gibt einen Friseur, der ins Haus kommt.“ Und nicht nur ältere Menschen profitieren von der Initiative: Bei einer Dorfbegehung habe man analysiert, inwieweit Wege barrierefrei sind. Für Rollstuhlfahrer, aber auch für Kinderwägen seien abgesenkte Bordsteine wichtig, erklärt Karina Pade. Über die bisherigen Ergebnisse aus dem Projekt ist sie mehr als zufrieden: „Durch ‚Wir – DAHEIM in Graben‘ ist das Miteinander im Dorfleben viel stärker geworden“, sagt sie.
Maria Steber