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Adventsbräuche

Himmlischer Besuch in Roggenburg

08.12.2015 10:41

Selbst das stürmische Schneetreiben kann Annika, Lara, Vanessa und Denise nicht von ihrer Aufgabe abhalten: Am Samstag des ersten Adventswochenendes ziehen sie von Tür zu Tür, kündigen die Geburt Christi an und sammeln Spenden für Kinderhilfsprojekte. Schon früh am Morgen treffen sich die vier Mädchen. Nach und nach verwandeln sie sich in Engel: Zuerst ziehen sie die weißen Gewänder an und binden sich die Goldkordeln um. Dann folgen die Stern-Stirnbänder. Auch goldene Flügel dürfen nicht fehlen.

Erst wenn die Adventsengel an der Tür geklingelt haben, beginnt für die Roggenburger der Advent. (Foto: Romana Kröling)

Ein Blick nach draußen ins Schneegestöber reicht, um schon vor Kälte zu zittern. Immerhin können sie unter ihren Gewändern warme Schneeanzüge tragen und sogar die eine oder andere Wärmflasche verstecken. Nun kann es losgehen. Adventskranz, Spendenkasse und leere Tüten für die hoffentlich große Ausbeute an Süßigkeiten werden im Leiterwagen verstaut und die vier Mädchen zwischen acht und zwölf machen sich auf den Weg zum Kloster, ihrer ersten Station auf dem Weg durch Roggenburg.

Nervös klingeln sie am Pfarrhof. Mit einem breiten Lächeln öffnen die Patres die Tür. Sobald alle versammelt sind, beginnen die Engel anfangs noch etwas unsicher und leise, die erste Strophe von „Wir sagen euch an den lieben Advent“ zu singen. Danach tragen sie ein Gedicht über das Kommen Jesu Christi vor. Zusammen mit einer Geldspende für Kinderhilfsprojekte bekommen die Mädchen als Dankeschön von den Patres Süßigkeiten, die sie gleich in ihrem Leiterwagen verstauen.

Auch der ehemalige Prior, Pater Rainer Rommens, ist dabei. Der Historiker erklärt, wie der Brauch entstanden ist: „Im Klostergebäude war zwischenzeitlich ein Altenheim untergebracht, das von den Dillinger Franziskanerinnen geführt wurde. Um den alten und oft einsamen Menschen eine Freude zu machen, hat eine Roggenburgerin in den 1960er Jahren den Brauch der Adventsengel begründet.“ Unter seinem Vorgänger Pfarrer Schrammel sei er auf die ganze Pfarrei mit den drei Ortsteilen Meßhofen, Ingstetten und Roggenburg ausgeweitet und zu einer festen Tradition geworden, so Pater Rainer.

Vor rund 50 Jahren war Pfarrsekretärin Rosemarie Bechtold selbst als Adventsengel unterwegs. „Bereits damals wurde ein Teil der Spendengelder an die Caritas-Kinderhilfe in Bethlehem gegeben“, erinnert sie sich. Dieses Jahr werden die insgesamt 1.200 Euro außerdem aufgeteilt auf das Projekt Schwarz-Weiß, das sich für Kinder in Not in Kenia einsetzt, und einem Straßenkinderprojekt der Prämonstratenser in Indien, so Bechtold.

Am Abend lassen sich Annika, Denise, Lara und Vanessa mit einem Seufzer auf das Sofa fallen. Obwohl sie erschöpft sind, steht ihnen die Freude ins Gesicht geschrieben. Jetzt beginnt der vielleicht wichtigste Teil des Tages: die Schlacht um die besten Süßigkeiten. Die Belohnung haben sie sich nach diesem langen, kalten und anstrengenden Tag verdient. Am Sonntag besuchen sie zusammen mit den Meßhofer und Ingstetter Gruppen den Gottesdienst in der Klosterkirche Roggenburg, wo sie ein letztes Mal das Lied und das Gedicht vortragen. Dann haben sie es erst mal geschafft, zumindest für dieses Jahr.  

Romana Kröling