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Pfarrei

Versöhnung zwischen Schondorf und Boves

16.11.2016 11:47

Es hat 70 Jahre gedauert, bis dieser Brief abgeschickt wurde. Sein Inhalt wird zum Beginn einer tiefen Freundschaft zweier Pfarreien – aus unserem Bistum und dem Piemont – und zu einem Zeichen für das Wirken der Göttlichen Barmherzigkeit.

„Wir haben die Last eines ganzen Volkes getragen, mit Tränen in den Augen und voller Scham“: Andrea Weißenbach und Marius Langer durften die Gebeine der beiden im II. Weltkrieg von deutschen Soldaten ermordeten Priester tragen. (Foto: Michele Siciliano)

19. September 1943. Soldaten der Waffen-SS begehen in Boves ein Massaker an der Zivilbevölkerung. Am Abend dieses blutigen Sonntags sind 23 Bewohner des Ortes in den italienischen Seealpen tot. Zu den Opfern zählen auch Ortspfarrer Don Giuseppe Bernardi und sein Kaplan Don Mario Ghibaudo. Der Pfarrer hatte zuvor noch zwischen deutscher und italienischer Seite vermittelt. Sein Kaplan wurde erschossen, als er einem schwer verletzten Mann die Sterbesakramente spendete.

20. März 2013. An diesem Frühjahrstag gut 70 Jahre später schickt Don Bruno Mondino, Pfarrer in Boves, einen Brief an seinen Amtskollegen Monsignore Heinrich Weiß in Schondorf. Von der Heimsuchung durch deutsche SS-Einheiten ist da die Rede und davon, dass der Anführer der Soldaten auf dem Friedhof von Sankt Anna in Schondorf begraben liegt.

„Wir möchten, dass etwas Gutes aus der schrecklichen Erfahrung von damals erwächst“, schreibt Don Bruno. „Dem Zeugnis von Don Bernardi und Don Ghibaudo folgend suchen wir Frieden und Versöhnung.“ In einem späteren Brief schreibt der Pfarrer: „Nur das Licht des göttlichen Erbarmens kann Läuterung schenken.“

Auf „meinem“ Friedhof soll ein Kriegsverbrecher bestattet sein? „Das war ein Satz, der mich elektrisiert hat“, erinnert sich Schondorfs Kirchenpfleger Marius Langer an den Brief aus Italien. Reihe um Reihe sei er abgegangen und am Ende erleichtert gewesen. Denn den Grabstein mit dem gesuchten Namen fand er schließlich im gemeindlichen, nicht im katholischen Teil des Friedhofs.

Auch für Andrea Weißenbach vom Pfarrgemeinderat kam der Brief damals aus völlig heiterem Himmel. „Keiner wusste davon, wir waren komplett überrascht.“ Niemand sei diese schlimme Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg bekannt gewesen. „Bis heute ist nicht geklärt, warum er hier liegt.“

„Uns war klar, dass wir sehr zuvorkommend auf den Brief antworten und eine Delegation hierher nach Schondorf einladen“, betont Andrea Weißenbach. Und Marius Langer drückt es ganz drastisch aus: „Hätten wir nicht auf diesen Brief reagiert, dann hätten wir den Menschen ihre Stadt ein zweites Mal angezündet.“ Die SS-Einheit hatte in dem 10.000-Seelen-Ort in der Nähe der französischen Grenze auch ein flammendes Inferno angerichtet, danach lagen 350 Häuser in Schutt und Asche. 

Vier gegenseitige Besuche hat es seit dem Brief aus Boves bereits gegeben. Immer sind sie sehr ergreifend. „Wir haben gemeinsam an der Stelle gebetet, wo der Kaplan ermordet wurde“, sagt Frau Weißenbach. „Und wenn Besucher aus Boves hier bei uns sind, beten wir auch am Grab des SS-Offiziers. Das sind die bewegendsten Momente überhaupt.“

Inzwischen wurde ein Seligsprechungsverfahren für die beiden ermordeten Priester eröffnet. „Es war den Menschen in Boves schon immer klar, dass es sich bei den beiden um zwei Heilige handelt“, meint Weißenbach. Ende April 2016 wurden ihre Gebeine in einer feierlichen Prozession durch Boves getragen und in der Pfarrkirche beigesetzt. Weißenbach und Langer durften die Gebeine auf der letzten Station zur Kirche tragen.

„Jeder Schritt wurde schwerer. Wir haben die Last eines ganzen Volkes getragen, mit Tränen in den Augen und voller Scham“, beschreibt Langer diesen Weg durch Boves. Er gehört selber noch zu denen, die nach dem Krieg ihre Heimat verloren haben. Für Andrea Weißenbach steht fest: „Diesen Tag im April werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen.“

Für die Zukunft hat Marius Langer noch einen großen Traum: „Einmal in der St. Anna-Kirche Reliquien der beiden seligen Märtyrerpriester zu haben, als Stätte der Andacht und als Zeichen für die Menschen in Boves.“ Täter und Opfer von damals wären dann wenigstens im Tod friedlich beieinander. Nur ein paar wenige Meter voneinander entfernt.   

Karl-Georg Michel