Meditative Gedanken zum Tischgebet
„Unser tägliches Brot gib uns heute“ – das ist im Vaterunser schnell gebetet. Aber hinter dieser Bitte steht das Wissen um die existentielle Abhängigkeit des Menschen von Gottes Schöpfung. Darum geht es in folgender Meditation.
Wir sind als Menschen von den Abläufen der Natur abhängig und dabei zugleich mit allen Geschwistern und unseren Mitgeschöpfen global verbunden.
Es ist ein langer Weg, bis aus einem kleinen Samenkorn unser tägliches Brot wird. Daran haben die Hände vieler Menschen mitgewirkt. Und es hat zur rechten Zeit Sonne und Regen gebraucht.
Darum soll es in folgender Meditation gehen. Legen Sie dazu gerne Ihre Brotzeit offen vor sich hin. Schließen Sie Ihre Augen wie in einem Film, wenn wir jetzt die Stationen auf dem Weg bis hin zum Brot nachgehen.
„Unser tägliches Brot gib uns heute“
Bevor das Korn in die Erde gelegt wird, muss die Erde vorbereitet werden. Dafür muss das Wetter passen. Der Boden darf nicht zu feucht sein. Aber auch nicht zu trocken.
Die Arbeit wird von Maschinen gemacht. Große Traktoren, auf denen Menschen sitzen, die sie bedienen. Menschen mit ihrem Leben, ihrer Lebensgeschichte, ihren Wünschen, ihren Sorgen.
Die Maschinen haben sehr viel Geld gekostet. Durch den Erlös vom Getreide müssen die Maschinen bezahlt werden. Oft ist das Geld dazu gar nicht da, es muss von der Bank vorfinanziert werden.
Die Menschen, die auf den Maschinen sitzen, wissen: Sie brauchen eine gute Ernte, die ihnen ihre Existenz sichert. Von Anfang an. Noch bevor das erste Korn in die Erde gelegt wird.
Wenn wir das Brot essen, sind wir bereits verbunden mit diesen Menschen, die die Maschinen bedienen. Mit ihnen und ihrem Wunsch um eine gute Ernte. Mit ihnen, ihren Hoffnungen und Erwartungen.
Der Same wird in die Erde gelegt.
Da liegt er.
Er braucht Wärme und Feuchtigkeit, damit er keimen kann. Viele Bodenorganismen helfen dabei. Je mehr davon in einem gesunden Boden vorhanden sind, desto stärker und besser wächst der Keimling.
Nicht nur der Keimling, auch die Bodenorganismen brauchen Nahrung. Je mehr Kompost - also nicht Kunstdünger, sondern organischer Dünger - im Boden ist, desto besser können die Bodenorganismen arbeiten. Und desto gesünder und widerstandsfähiger ist das Korn.
Der Keimling wächst und spitzt durch die Erdkruste durch. Er bricht durch ans Licht. Jetzt kann er selber Photosynthese betreiben. Und sich über seine Wurzeln und das Sonnenlicht mit Nahrung versorgen.
Er braucht ausreichend Wasser. Nicht zu viel. Nicht zu wenig.
Er braucht ausreichend Nahrung, am besten vielfältige organische Nahrung, um später uns mit einer Vielfalt an Spurenelementen ernähren zu können.
Sonne und Regen zur rechten Zeit lassen das Getreide wachsen. Nahrungs- und Wasserkonkurrenten (so genannte Unkräuter) kann man mit Maschinen entfernen. Am schonendsten für alle Insekten und Bodenorganismen wird das mechanisch mit Maschinen gemacht. Bei uns leider immer noch überwiegend mit chemischen Spritzmitteln.
Unter Gottes weitem Himmelszelt wächst das Getreide heran zu seiner Frucht. Der Wind fährt über es hinweg. Es wiegt sich im Wind. Sonne und Regen liebkosen es.
Jetzt muss das Wetter passen, damit es eine gute Frucht wird. Möglichst viel Regen im Wachstum, damit es ein großes volles Korn wird, gut geeignet zum Brotbacken.
Möglichst kein Regen kurz vor der Ernte, damit es nicht auswächst und unbrauchbar wird. Oder zu nass gedroschen werden muss, damit es nicht auf dem Halm verfault.
Gerade in der Landwirtschaft ist den Menschen bewusst, wie wenig Einfluss wir Menschen auf das gute Wetter haben. Wir sind angewiesen. Wir sind ohne das passende Wetter hilflos.
Unser Leben ist bedürftig. Bedürftig nach dem guten Wetter für eine gute Ernte. Bedürftig nach Nahrung, die uns unser Planet, Mutter Erde, liefert.
Wir Menschen sind nicht die Macher auf diesem Planeten. Auch wenn wir das oft meinen.
Wir sind die Empfangenden. Die Angewiesenen, dass unser Planet alles hervorbringt, was wir zu unserem Leben brauchen.
Im Alltag ist es für uns selbstverständlich, dass wir unser täglich Brot im Geschäft kaufen können. Dass es da Lebensmittel für uns gibt. Mehr als wir brauchen. Dieses Angewiesen sein, dass unser Planet es schaffen kann, uns zu ernähren, ist uns viel zu wenig bewusst.
In unserem reichen Land, in dem es Essen im Überfluss gibt, neigen wir sogar überheblich zu der Sünde, gutes Essen wegzuwerfen. Brot, das nicht verkauft wurde, landet in der Tonne. Und wer es rausholt, um es zu retten, macht sich strafbar. Das ist eine Sünde gegen Gott und unsere hungernden Geschwister in der globalen Welt.
Wenn mit dem Wetter alles gut geklappt hat, kann das reife Korn gedroschen werden. Noch haben wir ein Klima, dass wir ernten können. In anderen Regionen auf der Erde kann nicht geerntet werden. Dürre und Überschwemmungen machen die Ernte zunichte. Und täglich sterben Menschen, weil sie verhungern.
Jetzt mit dem Krieg in der Ukraine nimmt der Hunger in der Welt zu. Und die Zahl derer, die täglich verhungern müssen, steigt.
„Unser täglich Brot gib uns heute“
Welche Demut steckt in dieser Bitte! Die Anerkennung, dass wir angewiesen sind, dass es jemanden gibt, der über dem Menschen steht. Das wir bedürftige Geschöpfe sind und gleichzeitig geliebte Kinder des Schöpfers von Himmel und Erde.
Das gedroschene Korn wird auf Lastwägen zur Reinigung und Trocknung gebracht. Auch auf diesen Fahrzeugen sitzen Menschen, die mit dieser Tätigkeit für unsere Nahrung sorgen. Auch sie haben ihre Geschichte. Und irgendwie sind wir unsichtbar mit ihnen verbunden und verwoben.
Dann wird es gelagert, bis es entweder gemahlen oder direkt in die Bäckereien oder Läden gebracht wird.
Und dann kommt der Moment, wo Menschen das Korn (oder Mehl) nehmen und mit Wasser, Salz und anderen Zutaten zu einem Teig kneten und backen.
Aus vielen Körnern wird ein Brot.
Viele Menschen haben mitgewirkt, bis hin zu den Verkäuferinnen und Verkäufern, die uns das Brot (oder Korn/Mehl) über die Ladentheke reichen.
Und wir haben auch unseren Beitrag geleistet, indem wir alle diese Menschen mit unserer Arbeit für ihre Mühen entlohnen.
Wir tragen das Brot in unsere Familie oder an unseren Arbeitsplatz, wo wir es mit Genuss und dankbar essen dürfen. Uns zur Stärkung und im Dank an Gott, unseren Schöpfer.
So lade ich Sie ein, miteinander ein Tischgebet zu sprechen und unser Essen zu segnen:
Guter Gott,
segne unser Essen,
segne die, die es für uns zubereitet haben,
segne die, die auf den Feldern, im Handel und Transport für uns gearbeitet haben.
Lass uns, die wir satt werden können, Erbarmen haben mit Menschen und Tieren,
die Hunger und Elend erleiden
und stachele uns immer wieder an, nach unseren Möglichkeiten zum Wohl aller beizutragen. Amen.
Der Text dieser Meditation geht auf einem Impuls zurück, mit dem die diözesane Umweltbeauftragte Andrea Kaufmann-Fichtner das Tischgebet zum Gesundheitstag 2022 des Bischöflichen Ordinariates gestaltet hat.