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Tierwohl

Joseph Bernhart: „Die unbeweinte Kreatur“

14.10.2021 08:18

Der aus dem Bistum Augsburg stammende Philosoph, Publizist und Theologe Joseph Bernhart hat im Jahr 1961 eine Monographie veröffentlicht, die noch heute lesenswert ist: „Die unbeweinte Kreatur. Reflexionen über das Tier.“

1961 erschienen und noch immer aktuell: „Die unbeweinte Kreatur“ (Grafik: Buchumschlag)

Vielleicht mag es zunächst seltsam klingen, ein Buch nach 60 Jahren zu besprechen. Bernharts Gedanken sind jedoch grundlegend und auch heute noch inspirierend. Was sie nicht sind: eine schnelle Lektüre für abends vor dem Einschlafen. Diese 244 Seiten wollen einzeln studiert werden. Aber genau dann eröffnen sie auch heutigen Lesern neue Perspektiven. Denn in der Rückschau betrachtet hat Joseph Bernhart ein Werk hinterlassen, das ungemein „modern“ ist. Dies zeigt etwa der Blick auf die Frage des „Tierwohls“, mit dem inzwischen sogar große Lebensmitteldiscounter werben.

Joseph Bernhart, 1881 in Ursberg geboren und 1969 in Türkheim gestorben, hatte für sein Buch eine zunächst einfach klingende Frage zu beantworten: Ein Pfarrer im bayerischen Gebirge bat ihn um eine Erklärung, wie es denn um das winterliche Leiden und Sterben des Wildes stehe. Daraus ist dann die im Jahr 1961 erschienene Monographie über die unbeweinte Kreatur entstanden. Sie ist längst vergriffen, ebenso eine im Jahr 1987 von Georg Schwaiger im Auftrag der Joseph-Bernhart-Gesellschaft herausgegebene Neuauflage.

Der Autor nähert sich dem Thema aus verschiedener Perspektive: Er geht zunächst auf die Bezüge von Mensch und Tier in der Bibel ein, bevor er in einem zweiten Teil „Das Reich der anima“ beleuchtet, von ihm gedeutet als physisch-verwandtschaftlicher Zusammenhang zwischen Mensch und Tier. Weitere Überschriften lauten „Sinn und Grenzen der Tierliebe“ sowie „Heilige und Tiere“, bevor es im fünften und letzten Teil des Buches „Über das Tierleiden“ geht.

Warum leiden Tiere? Die Antwort auf diese Frage findet Joseph Bernhart im christlichen Erlösungsglauben. (Foto: Karl-Georg Michel)

Bei der Lektüre zeigt sich das profunde, auf mehreren Disziplinen basierende Fachwissen Bernharts. Im ersten Kapitel geht er zum Beispiel den biblischen Bezügen der Thematik nach, er stellt dabei immer wieder Rückschlüsse zur jüdischen Tradition und Exegese her (S. 46f. / alle Seitenangaben beziehen sich auf die Ausgabe von 1961). Sehr tiefschürfend wird es im zweiten Kapitel über „Das Reich der anima“. Hier erörtert Bernhart, inwieweit Mensch und Tier miteinander verwandt sind. Gleich zu Beginn kommt er hier auf Charles Darwin zu sprechen (S. 63), aber richtig „spannend“ wird es für den philosophisch interessierten – oder vielleicht besser: ambitionierten - Leser ab Seite 73 mit den Gedanken über „Art und Individuum“. Bernhart ist sich deren Komplexität bewusst, wenn er dem Leser sogar die Frage stellt, ob er ihm diese Gedanken zumuten darf. „Wenn Sie das Kapitel überschlagen, bin ich Ihnen nicht böse“, schreibt er (S. 74).

Aber wer sich schon die Mühe einer Befassung mit Bernharts Gedanken macht, sollte gerade diese Seiten unbedingt lesen. Sie greifen die Tradition der abendländischen Philosophie ebenso auf wie Gedanken der Romantik oder die damals, vor 60 Jahren, einschlägig bekannte naturwissenschaftliche Literatur. Insgesamt gesehen beinhaltet Bernharts Werk weit mehr als nur den Blick auf das Tier, es ist ein philosophisch-theologisches Traktat über das christliche Naturverständnis insgesamt.

Damit fast ans Ende gelangt, kommt der Autor auf die Ursprungsfrage seines Buches zurück und schreibt: „Ich bin, lieber Herr, nicht ohne Rücksicht auf unsere besondere Frage abgeschweift. Es möchte uns klar geworden sein, daß zu ihrer Aufhellung weder die Naturwissenschaft noch die Philosophie etwas Entscheidendes werden beitragen können“ (S. 201). Er setzt seine Hoffnung deshalb auf die Offenbarung und betont dabei beispielsweise, dass Gottes Bund mit Noah auch die Tiere gerettet habe.

Eine Antwort versucht Bernhart auch mit Blick auf das Buch Hiob (S. 204ff.) Es komme zwar nicht auf das Leiden der Tiere zu sprechen, dafür aber auf das quälende Geheimnis des Menschenleids. Trotz allem bekenne Hiob mit zerfetzter Haut sein tiefstes Vertrauen: „Ich weiß, dass mein Erlöser lebt.“ Diese Aussage bezieht Bernhart deshalb indirekt auf die ungelöste Frage nach dem Ärgernis des Tierleidens: „Eine Welt, mit der wir nicht fertig werden können, bewahrt uns auch davor, mit Gott selber fertig zu werden“ (S. 206f.) - um dann mit Blick auf Golgotha zu sagen: „Gott ist größer als unser Herz, und ihm ist alles bekannt“ (S. 206).

Die Geschichte des Leidens sei so alt wie die Geschichte des Lebens, schreibt er einige Seiten weiter. Auch hier sucht er eine Antwort in der Hoffnung, „die uns aus Jesu Kreuzestod und Auferstehung geworden ist“ (S. 227). Alles, was in der Welt unheilbar ist, alle Drangsal der Kreatur wird für ihn so zur göttlichen Einrichtung, von der nichts ausgenommen und von der alles durchdrungen ist. „Wie aber das Lebendige alles im Klagen sich zusammenfindet, so soll und wird das Erlösungswerk das kosmische Ganze ergreifen“ (S. 229f.) ist er überzeugt, um sein Buch schließlich mit einem kurzen Gebet zu beenden: „Herr, Du bist wahrlich ein verborgener Gott!, und milde Fühlung zu pflegen auch mit der unbeweinten Kreatur“ (S. 230).

Dieses große Werk von Joseph Bernhart hätte längst eine Neuauflage verdient. Gerade für die heutige Zeit mit ihrer Sehnsucht nach einer allzu heilen Welt wäre die kritische Auseinandersetzung mit Bernharts Gedankenwelt sehr spannend. (Text: Karl-Georg Michel)

 

Joseph Bernhart, Die unbeweinte Kreatur. Reflexionen über das Tier, Kösel-Verlag, München 1961, 244 Seiten. / 2. Auflage 1987, hrsg. von Georg Schwaiger, vergriffen.

Ausführliche Informationen zu Leben und Werk gibt es bei der Joseph-Bernhart-Gesellschaft.