Interview

Corona: ein Beschleuniger für nachhaltigen Tourismus?

05.08.2021 10:06

Gibt es so etwas wie nachhaltigen Tourismus? Hat die Corona-Pandemie vielleicht sogar dazu beigetragen, unsere Mobilität zu verändern? Fragen an Dr. Tobias Kläden von der Katholischen Arbeitsgemeinschaft Freizeit und Tourismus (KAFT) der Deutschen Bischofskonferenz.

Tobias Kläden (Foto: privat)

Nachhaltiger Tourismus: Gibt es so etwas überhaupt oder ist dieses Begriffspaar nicht sogar ein Widerspruch in sich?

Vielleicht ist „nachhaltiger Tourismus“ tatsächlich ein Widerspruch in sich. Zunächst muss ich ja erst einmal die Distanz zur Urlaubsdestination überwinden (und auch wieder zurückkommen), und dann verbrauche ich durch die Unterbringung und die Aktivitäten dort auch Ressourcen. Mein persönliches CO2-Budget wird durch Urlaubsreisen also eigentlich immer zusätzlich belastet, selbst im so genannten nachhaltigen Tourismus. Umso wichtiger wäre es also, möglichst ressourcensparend, aber auch, weniger häufig und weniger weit zu reisen. Und neben der ökologischen Belastung durch den Tourismus ist auch die wirtschaftliche Seite zu sehen: Wer– vor allem in der einheimischen Bevölkerung – leidet durch die Tourismusindustrie, zum Beispiel durch ausbeuterische Arbeitsbedingungen oder durch Umweltzerstörung und damit die Vernichtung der Lebensgrundlagen infolge des Tourismus?

 

Welches Fazit ziehen Sie, wenn Sie auf Tourismus in Corona-Zeiten blicken?

Der Tourismus hat von allen Branchen am meisten unter der Corona-Pandemie gelitten. Aus der Perspektive der Nachhaltigkeit war der drastische Rückgang der Reisen natürlich positiv - erinnern wir uns nur an die Meldung im Frühjahr 2020, dass der Smog über den großen Metropolen Chinas seit langem wieder einmal zurückgegangen war, oder dass Deutschland seine Klimaziele erreichen konnte. Die Frage ist aber, wie langfristig oder eben nachhaltig diese Effekte sein werden.

 

Und wie sieht da Ihre Antwort aus?

Nachhaltigkeit als das Prinzip, nur so viel zu verbrauchen, wie wir von den vorhergehenden Generationen erhalten haben und vor allem nur so viel, dass auch die nachfolgenden Generationen gut leben können, war bereits vor Corona ein wachsender Trend, auch im Tourismus. Nachhaltiger Tourismus ist allerdings immer noch ein Nischenprodukt, denn das Bewusstsein, dass Nachhaltigkeit notwendig ist, ist zwar gestiegen, aber dieses Bewusstsein führt nur selten auch zu einem nachhaltigeren Verhalten. Höhere Preise, mangelnde Informationen oder erhöhter Reisezeitaufwand schrecken viele ab. Die Verantwortung für nachhaltiges Verhalten kann aber nicht nur auf der Seite der Konsumenten, der Reisenden liegen. Es braucht gesetzliche und andere Regelungen, damit Nachhaltigkeit zur Routine wird.

Und schließlich darf auch nicht vergessen werden, dass Urlaub ein Privileg ist, das nicht jedem auf der Welt offensteht, weil er oder sie gar nicht die wirtschaftlichen oder rechtlichen Möglichkeiten dazu hat. Laut einer Umfrage verreisen 39 Prozent aller Befragten in Deutschland gar nicht, etwa, weil sie es sich nicht leisten können, sie keinen Urlaub bekommen, sie Angehörige pflegen oder selbst krank sind. Für die anderen, die verreisen, ist der Urlaub oft eine soziale Pflicht, ein kollektives Ritual, das mit großen Träumen verbunden ist, die sich dann aber häufig als illusorisch erweisen.

 

Könnte die Pandemie somit eine Chance sein, über dieses Privileg, Urlaub machen zu dürfen, nachzudenken?

Kurzfristig wird ein Reiseboom erwartet, ein „Revenge Travel“ („Revanche-Reisen“), in dem das nachzuholen versucht wird, worauf in der Pandemie verzichtet werden musste. Es holen sich nun viele wieder, was ihnen gefühlt eigentlich zustand, aber wegen Corona verwehrt geblieben ist. Andererseits haben viele gemerkt, dass es auch in der näheren Umgebung viele interessante Dinge zu entdecken gibt und man in Deutschland gut Urlaub machen kann. Es muss nicht immer die Flugreise ans Mittelmeer sein. Vielleicht kann die Corona-Pandemie tatsächlich ein Katalysator sein, der einen nachhaltigeren Tourismus befördert - das hoffe ich zumindest.

 

Der Forggensee bei Füssen: Auch in unserer Region kann man gut Urlaub machen - eine Chance für nachhaltigen Tourismus? (Symbolfoto: Karl-Georg Michel)

Gerade auch das Bistum Augsburg mit dem Allgäu zählt zu den beliebtesten Urlaubszielen Deutschlands. Welche Chancen sehen Sie für unsere Region?

Gerade die Corona-Bedingungen geben dem Urlaub im eigenen Land einen Schub, bei dem nur geringe oder mittlere Distanzen zum Urlaubsort zurückzulegen sind, also dürfte vermutlich auch die touristische Nachfrage im Allgäu steigen. Wander- oder Radwanderwege bieten die Grundlage für einen nachhaltigen Tourismus, der auf den Schutz und Erhalt der Natur achtet.

Eine erhöhte Nachfrage kann aber auch negative Effekte haben, wenn zu viele Touristen kommen, als für eine Region gut ist. Jedenfalls gibt es auch in Deutschland das Phänomen des Massentourismus oder Overtourism, der auf lange Sicht das Gebiet zerstört, das ihm doch eigentlich wichtig ist.

 

Andererseits zeichnet sich bei uns auch schon der Klimawandel ab. Skitourismus ist in den Bergen künftig oft nur noch mit künstlichem Schnee möglich. Sind wir da noch auf dem richtigen Weg?

Wir wissen ja schon länger, dass der Skitourismus eine Katastrophe für die Umwelt ist, auch schon ohne den Klimawandel. Wirklich umweltfreundliches Skifahren gibt es nicht. Die gesamte Alpenregion wird sich da auf Dauer umstellen müssen, wenn diese Gebiete nicht irreversibel geschädigt werden sollen.

 

Lourdes, Rom, Jerusalem: Christen sind als Pilger unterwegs, zu Fuß, aber auch mit dem Flugzeug. Wie ist hier nachhaltiges Reisen möglich?

Oft gibt es ja die Möglichkeit, mit der Bahn anzureisen, was gegenüber dem Flugzeug jedenfalls die deutlich umweltfreundlichere Variante ist - und zum Beispiel bei Pilgerfahrten von Kranken nach Lourdes ja meist auch das Verkehrsmittel der Wahl. Wenn ein Ort wie Jerusalem nur gut mit dem Flugzeug erreichbar ist und man die Reise unbedingt unternehmen will, sollte man wenigstens auf die Regel „seltener fliegen, länger bleiben“ achten - und die CO2-Emissionen des Flugs kompensieren.

 

Diese Orte stehen auch für die Suche nach Spiritualität. Hat Urlaub mit einer religiösen Sehnsucht zu tun und wie könnte die Kirche das in ihrer Pastoral nachhaltig unterstützen?

Für die meisten Menschen hat Urlaub nicht unbedingt eine religiöse Dimension. Sicherlich gibt es das Phänomen eines „spirituellen Tourismus“, doch sollte sich die Kirche davor hüten, ihn aus ihrer Perspektive „auszuschlachten“. Es geht nicht in erster Linie darum, das zu verdoppeln, was außerkirchlich erfolgreich ist. Sondern die Kirche sollte Freizeit und Tourismus als Seismographen wahrnehmen, von denen die Pastoral zum einen viel lernen kann über die Veränderungen unserer Kultur. Daran sollte sie sich ausrichten und fragen, was den Menschen dienlich ist und ihnen - nach ihren Maßstäben - guttut. Zum anderen darf aber auch der prophetische Auftrag nicht verloren gehen, der die oft rücksichtslosen und ausbeuterischen Logiken der Freizeit- und Tourismusindustrie aufdeckt. Gegen die Vorstellung der Verfügbarkeit der Welt und der Natur muss deutlich werden, dass wir Teil der Natur, der Schöpfung sind. Wenn dieser grundsätzliche Respekt da ist, kann die Natur auch zum Ort der geistlichen Kraftquelle und der Transzendenzerfahrung werden. Um den kirchlichen Auftrag in diesem wichtigen Kulturbereich erfüllen zu können, braucht es eine gut ausgestattete Tourismuspastoral.
 
(Die Fragen stellte Dr. Karl-Georg Michel, diözesaner Umweltbeauftragter)